MAN MUSS DAS NETZ NICHT BLOSS WERFEN, SONDERN AUCH ZIEHEN WOLLEN – ÜBER NETWORKING UND WORKING OUT LOUD

Sicher haben Sie auch 250 Freunde auf Facebook, die Farbe der #-Taste Ihrer Tastatur blättert ab, da Sie täglich Tweets in die Welt senden und Ihr LinkedIn-Profil wird wöchentlich aktualisiert. Sie sind regelmäßiger Gast
auf Vorträgen zur Feierabendzeit, um an dem Fingerfood-Buffet Visitenkarten auszutauschen. Wie bitte, da sind Sie nicht dabei? Dann haben Sie auf unserer arago Consulting Twitter-Seite etwa noch nicht darüber gestaunt, wie unser Kollege Simon Cloos bei den sommerlichen Temperaturen im Juli und August unseren Drucker kurzerhand zum »Eiskopierer « umfunktioniert hat? Liken Sie uns etwa nicht auf Facebook, wo Sie das Team der arago Consulting als »filmischen Schnappschuss« bei der Arbeit beobachten können? Und für das feierabendliche Visitenkartenroulette sind Sie zu schüchtern? Dabei ist das Netzwerken heute doch wichtig. Wenn Sie hier nicht mitspielen, kann das ein Karrierekiller sein! Auch wenn Sie sagen, früher hieß Ihr soziales Netzwerk noch »Draußen!«, wir alle kommen sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext immer wieder in Situationen, in denen wir Unterstützung benötigen. Das Netzwerken – Neudeutsch Networking –, also der Aufbau und die Pflege von Kontakten, kann hierbei sehr hilfreich sein. Sie finden meine Kolleginnen und Kollegen und auch mich auf LinkedIn, doch bevorzuge ich soziale Kontakte live und in Farbe. Denn auf die Menschen, ihre beruflichen Erfahrungen und Lebenswege bin ich stets neugierig. Auch deshalb freue ich mich über jeden unserer Kundinnen und Kunden, die zu einem unserer Fachvorträge kommen. In diesem Rahmen interessante Themen auf zwar anspruchsvolle, aber dennoch unterhaltsame Art präsentiert zu bekommen und im anschließenden Austausch mit neuen und altbekannten Freunden des Hauses ins Gespräch zu kommen, genieße ich sehr. Deshalb merken Sie sich schon heute den 11. Oktober in Ihrem Kalender vor. Wenn Sie wissen möchten, welches Thema wir uns dieses Mal ausgesucht haben, lesen Sie die Ankündigung von Vanessa Bielesch in diesem Newsletter.

 

DIE NEUE WIR-KULTUR

Mitarbeiter in Unternehmen haben weniger das Bedürfnis ein Geflecht an Kontakten aufzubauen, stets mit dem Fokus, wann diese einmal nützlich sein könnten. Vielmehr suchen sie nach einer sinnvollen Vernetzung und möchten ihre eigene Arbeit transparent machen. Genau hier setzt eine neue Bewegung an: WOL – Working Out Loud – ist zurzeit in aller Munde. Darunter ist nicht etwa zu verstehen, sich im Großraumbüro durch möglichst laute Telefonate in Szene zu setzen. Die Idee, die sich hinter dem Begriff verbirgt, läuft darauf hinaus, die eigene Arbeit »sichtbar« zu machen, andere teilhaben zu lassen und sich so gemeinsam zu entwickeln, zu wachsen und Ziele zu erreichen. Netzwerke dienen somit nicht der »Hilfst-du-mir-helfe-ich-dir-Mentalität«. Wissen wird freigiebig geteilt, damit alle davon profitieren können. Angesprochen werden soll die intrinsische Motivation, die eigene Arbeit wird in einen größeren Sinnzusammenhang gestellt. Bryce Williams hat den Begriff 2010 erstmals in einem Blog verwandt. Allgemein bekannt wurde die Methode 2015 durch die Veröffentlichung des Buches von John Stepper »Working Out Loud: For a better career and life.« In namenhaften deutschen Firmen ist WOL längst Teil der Unternehmenskultur. Allen voran die Robert Bosch GmbH, die ihren Mitarbeitern schon seit Jahren Raum und Zeit für sogenannte WOL-Circle bietet. Aber auch Daimler, Continental, BMW, ThyssenKrupp und die Deutsche Bank, um nur einige zu nennen, sind dabei.

 


DIE FÜNF PRINZIPIEN DES WOL


1. Beziehungen (Relationships) – das Herzstück des WOL: der Aufbau nachhaltiger Beziehungen

2. Großzügigkeit (Generosity) – Wissen wird geteilt, damit auch andere davon profitieren können

3. Sichtbare Arbeit (Visible work) – die eigene Arbeit wird visualisiert, jedoch nicht zum Zweck der Selbstdarstellung

4. Zielgerichtetes Verhalten (Purposeful Discovery) – Handlungen werden im Hinblick auf das individuelle Ziel ausgerichtet

5. Wachstumsorientiertes Denken (Growth Mindset) – stetes Interesse und Neugier auf aktuelle Entwicklungen

 

Beim WOL kommt es auf die richtige Gruppengröße an. Bei einer zu großen Teilnehmerzahl ist die vorgegebene Zeit nicht einzuhalten.

 

NETZWERK STATT HIERARCHIE

Wie funktioniert das »laute« Arbeiten? Wer es ausprobieren möchte, tritt einem WOL-Circle bei. Ein Circle besteht idealerweise aus 4 bis 5 Menschen,
die sich einmal wöchentlich an zwölf Terminen zu einem Treffen verabreden. Dabei kann das Meeting real oder auch über ein virtuelles Medium stattfinden. Bei einer kleineren Teilnehmerzahl könnte der Austausch nicht differenziert genug sein, bei einer größeren Gruppe sprengt die Gesprächsrunde eventuell die vereinbarte Zeit der Sitzungen. Denn der Circle-Guide, den man über einen kostenlosen Download erhält, gibt die Tagesordnung vor. Ein vorab bestimmter Zeitnehmer achtet darauf, dass die Diskussionen und Übungen zeitlich nicht aus dem Ruder laufen. Jeder Teilnehmer bestimmt zu Beginn sein Ziel, möglichst ein individuelles Lernziel, das in zwölf Wochen zu bewerkstelligen ist. Im Austausch mit den Circle-Mitgliedern wird überlegt, wie das Ziel zu erreichen ist. Praktische Techniken sollen helfen, neue Beziehungen aufzubauen und zu vertiefen, welche die Zielerreichung unterstützen. Idealerweise sind die Teilnehmer eines Circles nicht homogen besetzt. Kommen in einer Gruppe Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Unternehmensbereichen zusammen, kann der Austausch offen und innovativ werden. »Wissensinseln « sollen so aufgesprengt werden und die Ergebnisse der selbstorganisierten Netzwerke dienen letztlich dem ganzen Unternehmen. Demgemäß sind Unternehmen der WOL-Bewegung sehr zugetan und stellen gerne die Ressourcen zur Verfügung. Die deutsche Working Out Loud Community of Practice, deren Vertreter sich wie das Who-is-Who der deutschen Wirtschaft liest, gewann 2017 den HR-Excellence-Award in der Kategorie Mitarbeiterengagement & Collaboration (Konzern).

 

BETTER TOGETHER?

Kritische Stimmen bezweifeln jedoch den langfristigen Nutzen des Working out Loud. Die Meetings finden in einem geschützten Raum statt. Die Teilnehmer müssen sich darauf verlassen können, dass sie sich in einem abgeschirmten Bereich austauschen und ausprobieren dürfen. Hier darf es kein richtig oder falsch geben. Erinnern Sie sich noch an die Mai-Ausgabe unseres Newsletters? Unser Produktionsleiter berichtete über unser Teamevent im Escape-Room. In kleinen Teams haben wir uns in unterschiedlichen Zimmern einsperren lassen, haben uns gemeinsam daran versucht Rätsel zu lösen, um so einen Schlüssel zu finden, der uns aus dem Raum befreite. Wir haben ausprobiert, geknobelt und gebastelt und jeder durfte seine speziellen Rätsel-Begabungen einbringen. Zum Abschluss des Teambuildings gab es noch ein gemeinsames Essen. Dies hat Spaß gemacht, den Zusammenhalt gestärkt und wir arbeiten gerne zusammen. Aber hilft diese Aktion auch Ihnen, wenn wir für einen anspruchsvollen Auftrag eine
Lösung suchen? Auf die Working-Out-Loud-Methodik übertragen: Hilft es den Kundinnen und Kunden, wenn abteilungs- und bereichsübergreifende Kleingruppen Strukturen hinterfragen und Denkmuster durchbrechen? Die Arbeitswelt ist kontinuierlich in Bewegung und die Anforderungen der Kunden verändern sich. Selbstverständlich ist jedes Unternehmen gefordert, die eigenen Prozesse zu überdenken und anzupassen. Den Mitarbeitern einen abgeschirmten Raum zur Verfügung zu stellen, aus dem heraus neue Ideen in
das Unternehmen getragen werden, kann hervorragend funktionieren. Jedoch nur, wenn die Ergebnisse aus dem Schutzraum heraus auch in der Realität des Arbeitslebens bestehen können. Hier ist die eigentliche Herausforderung zu sehen. Aber ist das nicht bei allen Veränderungsprozessen der Fall?

Durch die Working-Out-Loud-Methode können neue Ideen in das Unternehmen getragen werden, solange die Ergebnisse auch realistisch sind.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Beziehungen machen uns aus. Wir sind dazu gemacht, mit anderen in Kontakt zu treten. Durch Plattformen – sei es Working Out Loud oder andere soziale Netzwerke – taucht das, was uns angeboren ist, im Kontext der heutigen Zeit auf.