LERNEN IST ERFAHRUNG – ALLES ANDERE IST INFORMATION: WAS SAGT DIE HIRNFORSCHUNG ZU DER DIGITALISIERUNG DER BILDUNG?

Um es vorweg zu nehmen: die Hirnforschung sieht in der Digitalisierung der Klassenzimmer, vornehmlich bei den jüngeren Jahrgängen, keinen Gewinn. Im Gegenteil: Prominente Vertreter wie Prof. Manfred Spitzer prophezeien zunehmende Adipositas, Depressionen, Kurzsichtigkeit und Verdummung durch den Einsatz von digitalen Medien insbesondere in den Grundschulen. Warum das? Wäre es nicht sinnvoll, Kinder schon in jungen Jahren mit den neuen Techniken bekannt zu machen, sie zu »Digital Natives« heranzuführen, denen der Umgang mit all den technischen Errungenschaften von Beginn an vertraut ist und die ohne Berührungsängste auf all das, was noch kommen mag, zugehen? Schließlich werden wir zukünftig vermehrt Kapazitäten und versierte Programmierer benötigen.

In den ersten Lebensjahren bis zur Adoleszenz werden in unserem Gehirn unzählige Nervenverbindungen geknüpft. Genetisch bedingt entwickelt sich das Gehirn bei uns Menschen relativ langsam. Wir brauchen Zeit zum Nachdenken, zur Nachahmung und zur Wiederholung. Wir müssen unsere Erfahrungen und auch unsere Fehler machen dürfen. Reflexion und erneutes Durchdenken, Üben und Einprägen führt zu Verschaltungen im Gehirn, auf die wir aufbauen. Nur durch kontinuierliches Trainieren der »grauen Zellen«, durch Rekapitulieren und Auffrischen festigen sich die Strukturen. Das ist mühsam und oft auch spaßbefreit. Kaum einer von uns wird seine schönsten Erinnerungen an die Schulzeit mit dem Büffeln von Vokabeln in Verbindung bringen. Wie schön wäre es da, wenn sich die Lernprozesse durch den Einsatz von digitalen Medien beschleunigen ließen. Manch einer fragt sich grundsätzlich, ob das Auswendiglernen noch notwendig ist, findet man doch jegliche Information im Internet auf Knopfdruck.

Bereits vor der Grundschule kommen Kinder in Kontakt mit digitalen Geräten. Meist mit denen ihrer Eltern.

So einfach ist es jedoch leider nicht. Das Lernen mit dem Tablet auf dem Schoß kann, gerade für Kinder, einfach zu überdimensioniert sein. Zwar können sich die Kinder den Umgang mit den technischen Hilfsmitteln rasch aneignen – ähnlich wie das Lernen einer fremden Sprache, das den Kindern ebenfalls leichter fällt, als Erwachsenen – und finden tatsächlich relativ schnell heraus, wo gewischt und gedrückt werden muss, doch das reine Wischen und Drücken macht noch keinen angehenden Informatiker aus. Auch ich hätte mich als Kind nicht als eine zukünftige Fernsehmechanikerin gesehen, nur weil ich wusste, wie mit der Fernbedienung umzugehen war. Vom Wischen bis zum Programmieren ist der Weg dann doch noch ein wenig anspruchsvoller. Und dürfte die Denkleistungen der meisten jungen Schüler übersteigen. Um zukünftige Quantenmechaniker zu gewinnen, findet sich in der Grundschule auch nicht die Schrödinger-Gleichung auf dem Lehrplan.

LERNEN, SICH AN DAS EIGENE WISSEN ZU ERINNERN

In der Tat ist es sehr praktisch, dass das allwissende Internet Informationen auf Kommando zur Verfügung stellt. Von der anstrengenden Kopfarbeit kann es uns leider nicht entbinden. Die Verankerungen und Verknüpfungen im Kortex müssen angelegt werden. Und das geht nur mit Lernen und dem Trainieren unseres Gedächtnisses. Werden die Assoziationen in jungen Jahren nicht gelegt, könnte das lebenslange Folgen haben. Das Gehirn verhält sich hier ähnlich wie der Muskelapparat unseres Körpers: es muss sich fit halten, um Höchstleistungen zu vollbringen. Erst wenn man über eine Basis an Wissen und vor allen Dingen über ein Lernkonzept verfügt, ist man in der Lage, sich weiteres Wissen anzueignen, ist neugierig auf weitere Erkenntnisse. Es gilt, den natürlichen Forscherdrang anzuregen und die Freude über selbst angeeignete Erkenntnisse und Fähigkeiten zu stärken. Diese Belohnung kann ein richtig gesetzter Klick im Internet nicht geben. Dadurch wird unser Gehirn nicht stimuliert, weiter wissensdurstig zu sein.

Eine zusätzliche Herausforderung dürfte sein, den jungen Schülern einen maßvollen Umgang mit den Tablets und Smartphones zu vermitteln. Es spielt sich einfach zu schön mit den Geräten. Und welcher junge Mensch ist schon so selbstreflektiert, dass er sagen würde: »So, für heute ist erst mal Schluss.« Ebenso wenig wie die meisten Kinder es schaffen dürften, eine große Tüte Süßigkeiten, die zur eigenen Verantwortung überlassen wird, in kleine Tagesrationen einzuteilen und den Verzehr der Leckereien über mehrere Tage, gar Wochen zu strecken. Wahrscheinlich sind wir dafür gar nicht gemacht. Denn evolutionsbiologisch mögen wir nun mal zucker- und kalorienreiche Gaumenfreuden. Je mehr, desto besser. Erst mit zunehmendem Alter fällt uns die Selbstdisziplinierung leichter. Dann heben wir uns die Pralinen sogar für einen besonderen Moment auf, um uns zu belohnen. Das beim Verzehr einsetzende Glücksgefühl – die Ausschüttung von Dopamin in bestimmten Hirnregionen – erleben wir auch bei Erfolg, wenn wir motiviert eine Sache angegangen sind und dank genialer Geistesblitze der Plan aufgegangen ist. Hierzu gehören selbstverständlich auch Lernerfolge. Doch ist der Kontrollmechanismus in der Zeit vor der Adoleszenz noch wenig ausgereift. Der Umgang mit den digitalen Medien kann, ähnlich wie das Stück Schokolade, zur Ausschüttung von Dopamin führen. Auch ich ertappe mich dabei, dass es mir schwerfällt, nicht unmittelbar auf das Display meines Mobiltelefons zu schielen, nachdem es »Laut gegeben hat«, um nachzuschauen, wer mir wohl geschrieben hat. In der Erwartung einer lustigen Nachricht aus meinem Freundeskreis, freut sich mein Belohnungssystem im Stirnhirn schon im Vorfeld. Die Gefahr, eine Sucht nach diesem Kick zu entwickeln, ist in jungen Jahren ungleich höher. Intensive Mediennutzer im Kindesalter laufen Gefahr, dass sich ihre kognitive-emotionale Leistungsfähigkeit eingeschränkt entwickelt, die Urteilsfähigkeit wird eingegrenzt.

WENN MAN ETWAS GUT KANN, IST ES ZEIT, ETWAS NEUES ZU BEGINNEN

Trotz der Aktivierung des Belohnungssystems führen die Push-Benachrichtigungen zunehmend zu einem Gefühl der inneren Unruhe.

In der Erwachsenen-Bildung erfreut sich der Einsatz von E-Learning einer immer größeren Beliebtheit. Hier scheint es weit weniger Bedenken bei der Nutzung von digitalen Medien zu geben, als in den Grundschulen. Doch kann es von Vorteil sein, dass man statt in der Lerngruppe im Seminarraum nun isoliert zu Hause oder im Büro vor dem Rechner sitzt, sich mit Selbstdisziplin allein durch den Stoff ackert und auf den Erfahrungsaustausch mit anderen Kollegen verzichtet? Sich zu motivieren, die vormals ausgedruckten Seminarinhalte nun im pdf-Format Seite um Seite anzueignen, hört sich wahrlich nicht reizvoll an. Und diese Form wäre auch eine äußerst unattraktive Umsetzung des digitalen Lernens in der beruflichen Weiterbildung. Das Konzept eines guten Lernsystems sieht die Kombination verschiedener Methoden vor, das sogenannte »Blended Learning«. Die einzelnen Lernmodule sollten aufeinander abgestimmt sein.

Oft kommen zu Seminaren Besucher mit unterschiedlichen Vorkenntnissen. Einer der Vorteile des Blended Learnings liegt darin, dass im Vorfeld einer Präsenzveranstaltung den Teilnehmern eine digitale Möglichkeit zur Verfügung gestellt wird, den eigenen Wissensstand zu ermitteln und eventuelle Lücken zu schließen. Treffen sich die Anwesenden zu dem eigentlichen Seminar, kann rascher mit der Vermittlung der komplexeren Inhalte begonnen werden. Die Teilnehmer bringen meist ein Interesse an den Themengebieten mit. Die Motivation, sich mit den Inhalten auseinander zu setzen, ist somit gegeben. Der berufliche Alltag verlangt in zunehmendem Maße eine Flexibilität, auch bei den Arbeitszeiten. E-Learning bietet die Möglichkeit, sich selbstorganisiert mit dem Stoff zu beschäftigen. Zwar bleibt es oft nicht aus, sich mit »Textwüsten« auseinander zu setzen, doch elektronische Medien bieten an, ausführliche Abhandlungen durch Grafiken, Film- oder Audiosequenzen aufzulockern. Spielerisch können gemeisterte Lerneinheiten mit einem Quiz bewertet oder die Reflexion und die Überprüfung des Gelernten durch die Vergabe von Punkten belohnt werden. In welchem Tempo das Lernen angegangen wird, liegt in der Hand der Seminaristen. Bei umfangreichen Thematiken wird es in regelmäßigen Abständen Präsenzveranstaltungen geben. Einen Kontakt der Teilnehmer untereinander – auch außerhalb dieser Anwesenheitszeiten – ist durch die heutigen unterschiedlichen Möglichkeiten der Vernetzung kein Problem. Erfahrungen können ausgetauscht werden und Erkenntnisse aus dem Einsatz in der beruflichen Praxis besprochen werden. Denn zwischenmenschliche Diskurse dürfen durch den Einsatz der Digitalisierung nicht wegfallen.

Digitale Medien können den Lernprozess unterstützen. Doch die persönliche  Auseinandersetzung mit anderen über eine Thematik, sollte nicht vernachlässigt werden.

WISSEN IST NUTZLOS, WENN MAN ES NICHT ANWENDET

Ganz im Gegenteil! Nicht alles, was man (nicht nur im Berufsalltag) benötigt kann man mit reinem Wissen bewältigen. Während ich diese Zeilen schreibe, befinde ich mich schon fast auf dem Weg in den Skiurlaub. Kein Seminar, egal ob digital oder mit einem echten Menschen vorne im Schulungsraum, kann aus einem Nicht-Skifahrer einen angehenden Slalommeister machen. Dazu gehört noch mehr. Nämlich Talent und Können. Zur Spitzensportlerin hat es zwar bei mir nicht gereicht, zu einem versierten Umgang mit den Brettern unter den Füßen jedoch schon. Wie ich das geschafft habe? Durch Rutschen, Hinfallen, Aufstehen, Schimpfen, schnellerem Rutschen, Körperspannung bis zur Freude über das Meistern der Buckelpiste. Was bedeutet das für die Personalentwicklung im Unternehmen? Wissensvermittlung ist wichtig. Unverzichtbar ist jedoch, darüber hinaus von talentierten Kollegen zu lernen, ihnen über die Schulter zu schauen und von deren Erfahrungsschatz zu profitieren. Um schließlich auf Basis all des Gelernten selbst auszuprobieren – und sich am Ende über das Erreichte zu freuen!

Reines Wissen führt nicht zum Erfolg. Ausprobieren, scheitern, reflektieren und verbessern sind die Wege zum Erfolg – der sich schließlich grandios anfühlt.