WIRKSAMKEIT VON LERN- UND TRAININGSSPIELEN

Immer stärker werden in der Forschung bestehende Lehr- und Lerngewohnheiten überprüft, denn diese verändern sich stetig und haben damit eine Auswirkung darauf, wie Schüler an Schulen, Hochschulen oder Universitäten unterrichtet werden. Zu beobachten ist dabei eine Tendenz, sich gegen die Verwendung von Spielen im Lernprozess zu richten.

Auf der OEB Global hielt Prof. Sara de Freitas, die seit 20 Jahren zu Videospielen in der (höheren) Bildung forscht, einen Vortrag zu ihren Forschungsergebnissen über die Wirksamkeit von Lern- und Trainingsspielen. Im Folgenden möchten wir Ihnen einen kurzen Überblick verschaffen.

Bisher wurde der Forschungsverlauf über diesen neuen Bereich in der Lehr- und Lerntheorie von übergeordneten Annahmen und traditionellen Strukturen und Modellen bestimmt. Genau diese Annahmen haben in der Umsetzung zu Einschränkungen und Hindernissen geführt.

Fünf Annahmen, die die Forschung zu Lernspielen angeleitet haben:

1. »Spiele machen süchtig«

2. »Spiele sind für Kinder«

3. »Pädagogik hat nichts mit Spiele und Spielen zu tun«

4. »Spiele sind für das Lernen nicht effektiv«

5. »Spiele sind zu teuer, um für die Ausbildung produziert zu werden«

Prof. de Freitas Forschungen ergaben, dass sich viele Annahmen widerlegen lassen. Ernsthafte oder lehrreiche Spiele haben im Allgemeinen nach wie vor ein sehr geringes Budget. Kinder lieben Spiele und lernen und verknüpfen kognitive Fähigkeiten durch das Spielen. Aber auch Erwachsene spielen Spiele, und es gibt keine Hinweise darauf, dass Erwachsene über wesentlich andere Wege als Kinder lernen. Jean Piaget, Pionier der kognitiven Entwicklungspsychologie, und auch viele andere pädagogische Theoretiker waren davon überzeugt, dass alles Lernen durch Spielen und somit auf spielerische Art geschieht. Basierend auf der Vorstellung, dass Spiele sich überwiegend an Kinder richten, wird auch oft angenommen, dass sie nicht für das Lernen und Trainieren von Erwachsenen verwendet werden können. Bezüglich der Kostenfrage wird deutlich, dass die Kosten für die Produktion von Spielen in den letzten zwanzig Jahren gesunken sind. Mit Spieleentwicklungssoftware, Unity-Entwicklungsplattformen und Gamification- und Minispielen ist es im Vergleich zu früher viel günstiger, qualitativ hochwertige Spiele zu produzieren.

Dass kommerzielle Spiele süchtig machen können, kann
nicht bestritten werden. Doch dies sollte nicht dazu führen,
dass Spiele aus der Bildung pauschal verbannt werden.

WELCHE MÖGLICHKEITEN BIETET DER GEBRAUCH VON SPIELEN IN DER LEHRE?

Prof. de Freitas Untersuchungen ergaben, dass Lernspiele effektiver sind als herkömmliche Lernmethoden. Hierzu wurde eine Studie durchgeführt, die die Wirksamkeit von Spielen in der Weiterbildung anhand des Spiels »Triage Trainer« überprüfte. An der Studie nahmen Ärzte, Krankenschwestern und Sanitäter teil.

Die Studie ergab, dass Serious Games – so werden Spiele genannt, deren Fokus auf dem Bereich der Bildung liegt – die Lerner besser einbeziehen und die Qualität der Weiterbildung bewahren, da alle Teilnehmer dasselbe Training durchlaufen. Mögliche Gründe dafür sind, dass während des Kurses erworbene Fähigkeiten und Kenntnisse in einem realistischeren und ansprechenderen Umfeld geübt werden können. Außerdem erhalten die Spieler ein personalisiertes Feedback, das es ihnen ermöglicht, durch wiederholtes Spielen erfolgte Verfahrensfehler zu korrigieren. Anhand der Ergebnisse wird deutlich, dass Spiele ein größeres Engagement der Schüler fördern als traditionelles Lernen. In anderen Untersuchungen wurde festgestellt, dass ein größeres Engagement einen positiven Zusammenhang mit der Selbstwirksamkeit hat und bessere Ergebnisse erzielt.

 

BEITRAG AUS DEN NEUROWISSENSCHAFTEN:

Aus den Neurowissenschaften erfahren wir zudem, dass beim Spielen die Plastizität des Gehirns gefördert wird. So entsteht die Möglichkeit der besseren Übertragbarkeit von Fähigkeiten wie Hand-Augen-Koordination und Sehschärfe.

Kinder und Erwachsene lernen und verknüpfen kognitive
Fähigkeiten durch das Spielen, denn beim Spielen wird die
Plastizität des Gehirns gefördert.

PARADIGMEN DES LERNENS:

Um den Komplex Bildung verstehen zu können, müssen wir zunächst verstehen, wie wir lernen. Wir sehen heute vermehrt, wie sich das traditionelle Paradigma des Lernens von einer lehrplanbasierten Pädagogik zu herausforderndem und aktivitätsorientiertem Lernen entwickelt, mit dem Blick auf eine zukünftige schülerentwickelte Pädagogik. So werden Peer-fokussierte Interaktionen gefördert, um sich von einer vom Tutor geleiteten Wissensvermittlung zu lösen. Stattdessen soll Lernen jederzeit, überall und möglichst lebenslang stattfinden können. Anstelle der summarischen also prozessabschließenden Bewertung ist eine formative, sprich eine förderorientierte und prozessbegleitende Beurteilung getreten, letztendlich aber wird es als am sinnvollsten erachtet, von einer klassischen Bewertung abzulassen und mit Leveln, Punkten oder Auszeichnungen zu arbeiten, was in Spielen hervorragend umsetzbar ist. Kompetenzen werden durch individuelles Lernen gefördert und bereiten den Weg für eine Zukunft mit einzigartigen individuellen Lernmustern. 

Das Einsetzen von Spielen in der Bildung ist demzufolge ein Schritt, der sich aus der fortschreitenden Entwicklung der Lernparadigmen ergibt und für die Bildung von Generationen, die in dieser multimedialen Welt aufwachsen, essentiell ist.


Betrachten wir nun die fünf Annahmen, die eingangs vorgestellt wurden, lässt sich entgegnen:


1. »Spiele machen süchtig«: Wenn wir mit Spielen im Bereich Bildung das Engagement der Lerner erhöhen können, ist das positiv zu bewerten.


2. »Spiele sind für Kinder«: Es sind noch weitere Untersuchungen erforderlich, um herauszufinden, warum Spiele bei Kindern wie auch Erwachsenen effektiv sind.


3. »Pädagogik hat nichts mit Spiele und Spielen zu tun«: Pädagogen müssen effektives Lernen in allen Kontexten erforschen.


4. »Spiele sind für das Lernen nicht effektiv«: Studien haben gezeigt, dass Spiele effektiver sind als traditionelles Lernen.

5. »Spiele sind zu teuer, um für die Ausbildung produziert zu werden«: Die Aufklärung unserer Kinder und jungen Erwachsenen ist der wichtigste soziale Hebel der Gesellschaft. Wir sollten nach Wegen suchen, um das Investitionsniveau zu finden, das zur Verbesserung der Qualität der Bildung erforderlich ist.