ARAGO CONSULTING EXECUTIVE EVENT – MUSIK UND WISSEN IN SELIGENSTADT

Tradition bezeichnet die Weitergabe von Handlungsmustern, Überzeugungen und Glaubensvorstellungen. Zum insgesamt fünften Mal seit 2015 folgten wir dem identischen Handlungsmuster und luden Gäste der arago Consulting im Sommermonat Juli zu unserem inzwischen traditionellen Executive Event ins malerische Seligenstadt am Main ein. Wir folgten damit auch in diesem Jahr unserer Überzeugung und unserem Glauben daran, dass sich Wissen und Kultur hervorragend miteinander verbinden lassen. Und wir wurden erneut bestätigt.

Dr. Bernhard Walther, Vorsitzender des Aufsichtsrats der arago Consulting, begrüßt die Gäste zum Vortrag.

Mit seinem Vortrag »Der Arbeitnehmer der Zukunft: Bereit für die Digitalisierung dank Smart-School« sorgte Detlef Steppuhn, Leiter neue Technologien und Medien an einer der fortschrittlichsten Schulen unseres Landes – dem Erich-Gutenberg-Berufskolleg (EGB) in Köln – für viel Diskussion unter den Zuhörerinnen und Zuhörern.

Referent Detlef Steppuhn und Daniel Stöckel, Geschäftsführer der arago Consulting

Das EGB ist ein kaufmännisches Berufskolleg in städtischer Trägerschaft, das berufliche Abschlüsse für 2.300 Schüler unter anderem in folgenden Bereichen anbietet: Kaufmann/-frau für Büromanagement, Steuerfachangestellte, Kaufmann/-frau für E-Commerce. Im Jahr 2018 wurde das EGB vom Digitalverband Bitkom dank seiner Verbindung von digitalen Lerninhalten mit pädagogischen Konzepten als Smart School ausgezeichnet. Die Ausbildung am EGB basiert auf drei Säulen: Erziehung, Gesundheit und berufliche Bildung. Über alle Säulen hinweg spielt die Digitalisierung eine wichtige Rolle.

 

In Bezug auf die Digitalisierung unterscheidet das EGB Basistechnologien und Aufbautechnologien:

BASISTECHNOLOGIEN

1. Office 365 als Lernplattform: Der große Vorteil dieser – laut Herrn Steppuhn – Killerapplikation ist, dass sie im Browser und damit auf allen Geräten läuft.

2. BYOD (Bring your own device): Bereits seit 2013 dürfen die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Smartphones und Tablets in der Schule einsetzen. Herr Steppuhn sieht darin signifikante Vorteile gegenüber den Ansätzen CYOD (Choose your own device; hoher Zeitaufwand für die Lehrerschaft; Schüler dürfen die Geräte nicht mit nach Hause nehmen) und RYOD (Rent your own device; hier muss sich auf einen Anbieter festgelegt werden, die Schüler gehen mit den Leihgeräten weniger sorgsam um als mit eigenen Geräten).

3. Internet / Wlan: Ihr erstes WLan hatte das EGB noch selbst aufgebaut. Inzwischen nutzt man hierfür einen auf Schulen spezialisierten Dienstleister.

 

AUFBAUTECHNOLOGIEN

1. Robotik: Seit 2 Jahren beschäftigt sich das EGB mit dem Thema Robotik. Angehende IT-Systemkaufleute und E-Commerce-Kaufleute lernen im Projekt »Kids Care«, NAO-Roboter so zu programmieren, dass sie Kindern in der Kinderklinik Porz einerseits helfen und diesen andererseits vergnügliche Momente schenken können.

2. Virtual Reality (VR):

Projekt 1: Arbeitsplatzgestaltung

Mit dem kostenfreien Programm Sweet Home 3D erstellen Kaufleute für Büromanagement Büroumgebungen und vergleichen Geschäftsprozesse hinsichtlich ihrer Arbeitsplatzgestaltung in old Work und new Work. Mittels VR-Brillen überprüfen sie beispielsweise die Farbwirkung der Wände oder ob ausreichend Platz für Rollstuhlfahrer vorhanden ist.

Projekt 2: Sport- und Gesundheitsförderung

Mittels VR-Brillen lässt sich der Tischtennis-Aufschlag leichter erlernen. Der Zeitverlust durch das Ball holen entfällt. Abläufe können zudem besser analysiert und verbessert werden. Das analoge Sportgerät Icaros wird – erweitert um eine VR-Brille – zum eSports-Gerät. Das Gerät wird liegend mit dem Körper gesteuert. Dank VR-Brille wird Fliegen oder auch Tauchen simuliert und das Körpergefühl und -empfinden spielerisch verbessert.

Die oben aufgeführten Basistechnologien ermöglichen ein ortsunabhängiges Lernen am EGB, die Aufbautechnologien schärfen den Fokus der Lehrkräfte und der Schülerinnen und Schüler für aktuelle Entwicklungen.

»Anstatt gegen die Maschinen zu rennen, müssen wir lernen, mit der Maschine anzutreten«
(Erik Brynjolffson, MIT Sloan School of Management)

2017 entwickelte das EGB das Fortbildungskonzept My eWorld. In der 20-stündigen Fortbildung, bestehend aus 7 Modulen, werden den über 100 Lehrkräften des EGB auf freiwilliger Basis die neuesten Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung vermittelt, z. B. Robotik, Virtual und Augmented Reality (VR und AR), Big Data, Künstliche Intelligenz (KI) etc. und neben den Risiken auch die Chancen der Digitalisierung aufgezeigt.

Als Risiken sieht Detlef Steppuhn insbesondere die bereits aktuell festzustellende Abnahme der Schreib- und Lesekompetenz sowie der Fremdsprachenkompetenz. Assistenz-, Sprach- und Übersetzungssysteme sorgen dafür, dass die oben genannten Fähigkeiten bei den Schülerinnen und Schülern zurückgehen. Auch Empathieprobleme, die sogenannte »Fear of Missing Out« (Angst, etwas zu verpassen) und das Burnout-Risiko nehmen zu. Derzeit wird daher am EGB ein neues Konzept ausgearbeitet, das Konzept »Heilige Orte«: Orte, die technikfrei bleiben sollen.

Konzepte dieser Art seien gerade deshalb wichtig, weil die Technik künftig alle Bereiche durchdringen werde. Viele Arbeitsplätze werden aus Sicht des Referenten künftig der Digitalisierung zum Opfer fallen. Die Seite https://job-futuromat.iab.de/ gibt an, wie viel Prozent eines Ausbildungsberufs bereits heutzutage von einem Roboter übernommen werden kann. Die Ergebnisse sprechen für sich: Beim Kaufmann/-frau für Büromanagement sind es 57%, bei Steuerfachangestellten gar 100%.

Geschützt durch ein Sonnensegel bei sommerlichen Temperaturen:
Erste Gespräche auf der Terrasse des MainChateaus

Die erste Fremdsprache, die künftig gelehrt wird, könnte daher eine Programmiersprache sein. In England ist »Computing« bereits heute ein Pflichtfach für Erstklässler. Bereits seit 2014 lernen Grund- und Mittelschüler zu programmieren.

Neurodidaktische Lernkonzepte, insbesondere auf Basis der Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR), werden das Lernergebnis revolutionieren, da sie alle Sinne involvieren. Derzeit herrsche jedoch ein Mangel an Content. Nur wenige Produzenten trauen sich an die Thematik heran, ein Angebot für den Schulmarkt sei quasi nicht existent.

VIRTUAL REALITY

Wie sehr die Schülerinnen und Schüler in virtuelle Welten abtauchen, erforschte Herr Steppuhn mit einer VR-Brille und diesem T-Rex-Video: https://www.youtube.com/watch?v=kJx2uS6hd6o Obwohl der T-Rex nur virtuell ist, weichen die Schülerinnen und Schüler bei seinem Erscheinen im Gang des Museums zur Seite aus, verkrampfen körperlich, wenn er sich zu ihnen beugt und wenden sich instinktiv ab, wenn er brüllt und sein Speichel in Richtung des Betrachters fliegt. Herr Steppuhn sieht als drohende Gefahr, dass Schülerinnen und Schüler mit verbesserter Entwicklung der Technologie aus der realen Welt flüchten und VR in diesem Zusammenhang ein sehr hohes Suchtpotential entwickelt, insbesondere dann, wenn die reale Welt aufgrund von Klimawandel und Arbeitslosigkeit nichts mehr zu bieten haben sollte. Als Filmtipp zu diesem Thema empfiehlt er den Science-Fiction Thriller »Ready Player One« von Steven Spielberg, der im Jahr 2045 spielt und diese Problematik aufgreift.

»KI ist eine Schlüsseltechnologie«
(Detlef Steppuhn)

Unter Einsatz von KI könnte Software Schülerdaten analysieren und aufzeigen, wo Schwachstellen bestehen (sog. Learning Analytics). Darauf basierend ließen sich dem Schüler passende Angebote bereitstellen. Denkbar sind Schulbücher, die auf ultradünnen OLED-Bildschirmen mit Papierhaptik dargestellt werden. Die KI analysiert die Stärken und Schwächen des Schülers und schreibt dementsprechend das Schulbuch für ihn. Erste Ansätze zum Thema antizipierendes Lehrbuch gibt es bereits. Zu nennen ist beispielsweise das Projekt HyperMind des Immersive Quantified Learning Lab (iQL) der TU Kaiserslautern (https://www.iql-lab.de/forschung/).

Umjubelter Auftritt einer Weltklasse-Solistin: Sabine Meyer begeisterte an der Klarinette das Publikum beim diesjährigen Seligenstädter Klosterkonzert.

Gesellschaftlich wird zu diskutieren sein, ob dies vor dem Hintergrund des Verlusts der Privatsphäre gewünscht wird. Bei seinen Schülerinnen und Schülern stellt Herr Steppuhn jedoch eine hohe Sorglosigkeit in Bezug auf die Weitergabe von persönlichen Daten fest. Sie teilen alles und laden ihre Daten in die Cloud. Sie sind daran gewohnt und damit aufgewachsen, für die kostenfreien Services mit ihren Daten zu bezahlen.

Noch weiter in die Zukunft gedacht sei davon auszugehen, dass künftig Roboter Lehrern (zumindest) assistieren. Sie bieten den Vorteil, dass eine intensivere Betreuung der Schüler möglich ist (1:1-Betreuung). Zudem kennen sie keine Ungeduld und sind auch nicht von Faktoren wie Sympathie oder Antipathie beeinflussbar.

Als weitere Herausforderung für die Bildung der Zukunft darf aus Sicht von Detlef Steppuhn der Mensch 4.0 betrachtet werden. Bereits heute gibt es Personen, die sich Chips unter die Haut implantieren lassen. Der großen Diskussion um die aktuelle erste Inklusion (gemeinsames Lernen von Menschen mit und ohne Behinderung) wird sich die Diskussion um die zweite Inklusion anschließen: Wie sind ungechipte Menschen in Abgrenzung zu gechipten Menschen für Lehrer zu bewerten? Am Ende seines Vortrags betonte Detlef Steppuhn nochmals, wie wichtig ein Medienbeauftragter für jede Schule sei, um sich diesen aktuellen und künftigen Herausforderungen zu stellen und plädierte für den Einsatz sogenannter »Smart Teams«, die das Kollegium entsprechend schulen.

Derart mit geistiger Nahrung gestärkt, wurde die Diskussion – verbunden mit einer körperlichen Stärkung bei sommerlichen Temperaturen – auf der Terrasse des Hotels MainChateau fortgeführt.

Am Abend stand schließlich das Highlight der diesjährigen Seligenstädter Klosterkonzerte auf dem Programm: der Auftritt einer der weltweit renommiertesten Klarinetten-Solistinnen: Sabine Meyer. Begleitet vom Bayerischen Kammerorchester Bad Brückenau riss sie die Zuhörerinnen und Zuhörer mit ihrer beeindruckenden Virtuosität zu stehenden Ovationen hin.

Mit Wein, Käse und vielen Gesprächen endete der Tag schließlich mit Blick auf den Main und den Spessart in traditioneller, analoger Art und Weise.

 

 

 

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