SELBER DENKEN HILFT! MIT PRINT GEGEN DIE DIGITALE ABHÄNGIGKEIT

Die meisten von uns werden es, wenn überhaupt, nur aus den Medien erfahren haben: Im Juli 2019 fiel das europäische Satelliten-System Galileo für einige Tage aus. Wäre das mit dem viel häufiger genutzten GPS-System passiert, hätte es wahrscheinlich weltweit zu einem großen Spaß geführt. Plötzlich hätten mitten in der Ferienzeit alle wieder herausfinden müssen, wie man mit Hilfe einer gedruckten Landkarte navigiert. Der Beifahrer hätte ablesen müssen, dass man »den Kreisverkehr an der zweiten Ausfahrt verlassen« solle. Nicht selten hört man Meldungen, dass Autofahrer im blinden Vertrauen auf die Navigationsgeräte plötzlich im Hafenbecken landen oder Lastwagen sich unter der zu engen Brücke festgefahren haben. Ein kritisches Überdenken der vorgeschlagenen Route hat hier nicht stattgefunden. Zweifellos sind die digitalen Assistenten hilfreich, doch unser Orientierungssinn wird bei der Nutzung nicht benötigt und was wir nicht trainieren, verkümmert mit der Zeit. Dabei liefern gedruckte Landkarten oder Stadtpläne Informationen, die auf dem Navi nicht unbedingt zu finden sind. Auf der Karte finden sich Entfernungsangaben zwischen zwei Punkten. Kirchen sind auf den Print-Versionen oft eingezeichnet und helfen beim Zurechtfinden in einer fremden Stadt.

Beim Reisen mag es stimmig sein, wenn der Weg das Ziel ist. Doch lässt sich das auf das Lernen übertragen? Beobachtet man den Hype, der um den Einsatz der digitalen Medien veranstaltet wird, mag man diesen Eindruck gewinnen. Da werden interaktive Inhalte mit kleinen Filmchen und spielerischen Wissens-Quiz durchsetzt. Die reine Begeisterung für das technische Mittel scheint den eigentlichen Wissens- und Bildungsgewinn zu überlagern. Doch sollte beim Lernen nicht der Inhalt im Vordergrund stehen? Das Medium, egal ob Tablet oder Papier und Stift, sollte sich der Essenz und dem Wissensgewinn unterordnen.

 

STAVANGER-ERKLÄRUNG: MIT DEM GEDRUCKTEN TEXT LIEST MAN LEICHTER

Im Oktober vergangenen Jahres trafen sich knapp 200 europäische Wissenschaftler aus den Bereichen Publizistik, Lese- und Schreibfähigkeit in dem norwegischen Ort Stavanger. Nach vierjähriger Forschung mit rund 170.000 Teilnehmern wurde diskutiert, ob und wenn ja, welchen Einfluss die Digitalisierung auf das Lesen ausübt. Die Evaluation wurde in der abschließenden »Stavanger-Erklärung« zusammengefasst und kommt zu dem Ergebnis, dass bei dem Lesen längerer Texte der gedruckte Text dem Lesen am Bildschirm überlegen ist. Längere Texte fordern die Konzentration und das Gedächtnis, der Wortschatz wird durch das Lesen erweitert. Das bessere Textverständnis beim Lesen von gedruckten Texten zeigte sich über die Altersgrenzen der teilnehmenden Probanden hinweg. Es war also mitnichten so, dass die jüngeren »Digital Natives« beim digitalen Text die Nase vorne hatten. Im Gegenteil, das bessere Verständnis der Informationen auf Papier hat in den letzten Jahren altersunabhängig sogar zugenommen. Interessanterweise kamen die Forscher auch zu der Erkenntnis, dass die Physis ausschlaggebend dafür ist, was und wie wir lernen. Der Körper liest und lernt also ganzheitlich mit.

Da wir nun einmal analoge Wesen sind, reift auch unsere Kognition unter der Zusammenwirkung unserer Sinne, unseres Verstandes und Denkens. Wissen und Kompetenzen erwirbt man sich, in dem man Informationen sammelt, reflektiert und die praktische Anwendung evaluiert. Ja, auch ich nutze ein YouTube-Video, wenn ich zu Hause vor einem im weitesten Sinne handwerklichen Problem stehe. Auch »Dummies« wie mir wird dort adressatengerecht vermittelt, wie ich dem tropfenden Wasserhahn zu Leibe rücken kann. Ein Installateur werde ich dadurch noch lange nicht. Im industriellen Kontext ist es heute gängige Praxis, dass die Fehlersuche bei großen Industrieanlagen mit Hilfe des Tablets vorgenommen wird. Die Handgriffe für die Reparatur und die Funktionswiederherstellung der Maschine werden gleich mit aufgezeigt. Vor ein paar Wochen kam es zu einem umfassenden Stromausfall in New York. Auszuschließen sei ein solches Szenario nach Expertenmeinung auch nicht für uns Europäer. Gut, wenn es dann noch Fachleute gibt, die über das notwendige Können verfügen und auch ohne digitale Unterstützung wissen, was zu tun ist. (Darüber hinaus lassen sich gedruckte Handbücher auch bei Kerzenschein lesen). Es ist komfortabel, sich den Ausweg aus Problemen von digitalen Helfern aufzeigen zu lassen. Jedoch birgt es die Gefahr, dass unsere Lernkompetenz durch die Abhängigkeit von vorgegebenen Lösungsansätzen verkümmert und unsere Kreativität dadurch gleichsam erstickt.

Das Lesen längerer Texte fällt in gedruckter Version leichter als am Bildschirm und zwar unabhängig davon, ob der Leser ein »Digital Native« ist oder nicht.

 

LERNEN MACHT NICHT IMMER SPASS – DIE LUST KOMMT ERST MIT DEM ERKENNTNISGEWINN, MIT DEM VERSTEHEN UND BEGREIFEN

Informationen liefert das Internet in einem grenzenlosen Ausmaß. Man klickt von Link zu Link und kann sich in den schier endlosen Weiten verlieren. Doch führt diese Informationsflut auch zu einer Gesellschaft von Gelehrten? Das Auswählen, Sortieren und Bewerten von Nachrichten fordert und kann anstrengend sein. Allerdings, Hilfe naht auch hier. Denn an digitalen Schulbüchern wird bereits geforscht. Durch das Scannen der Augenbewegungen mit einem Infrarot-Sensor am Bildschirmrand wird gemessen, welche Themen den Leser besonders interessieren und auch wo es Verständnisprobleme und Überforderungen gibt. In diesem Fall »ploppen« unmittelbar Erklär-Filmchen, Übungen oder weiterführende Hinweise auf.

Aktuell bedeutet das Suchen von Informationen, auch in digitaler Form, sich unterschiedliche Quellen anzuschauen, auszuwählen, gegenüberzustellen. Was aber, wenn die Suchsysteme uns so gut zu kennen glauben, dass sie uns
nur noch das anbieten, was sie als zu uns passend definieren? Durch solche Assistenten wird sich unser Horizont kontinuierlich einschränken. Oder was passiert, wenn diese Systeme ganz ausfallen? Verfügt dann noch jemand über die Befähigung, die Situation analog zu meistern? Wo finden wir dann Bücher und Schriftstücke, die helfen könnten?

Beispiele für das Vertrauen auf Computerprogramme gibt es viele. Exemplarisch sei hier noch eines aus dem Finanzbereich erwähnt. Fast die ganze Branche weltweit verlässt sich bei der sehr komplexen Bewertung großer Wertpapierportfolios auf ein Programm der Vermögensverwaltung Blackrock, das auf den schönen Namen »Aladdin« getauft wurde. Verschiedene Szenarien lassen sich zur Risikoanalyse durchspielen. Die profunden Ergebnisse haben dazu geführt, dass das System mittlerweile ein Alleinstellungsmerkmal genießt. Gespeist wird das Programm mit Daten aus der ganzen Welt. Somit entwickelt es sich stetig weiter. Dadurch ist es mittlerweile so groß geworden, dass niemand mehr in der Lage ist, den Quellcode zu erfassen.

Komplexität zu reduzieren, scheint ein gängiger Trend zu sein. Jeder Entwickler von sogenannten Chatbots wirbt mit diesem Attribut. Chatbots sind Dialogsysteme, die eine textbasierte Unterhaltung ermöglichen, sei es mündlich oder schriftlich. Oft ist dem menschlichen Part dabei gar nicht bewusst, dass der Gesprächspartner nicht human ist. Ja, es macht ja keine Freude, sich ewig durch Internetseiten zu klicken, bis man das passende Bahnticket gefunden hat. Chatbots führen mit dem gezielten Fragen-Antworten-Dialog wesentlich rascher zu der passenden Buchung. Sie liefern auf den Frager zugeschnittene Informationen. Doch wer definiert, was für mich relevant ist und welche Vorlieben es bei mir zu berücksichtigen gibt? Chatbots zwingen somit auch den Auskunftssuchenden, Komplexität zu reduzieren, denn sehr umfangreiche Sachverhalte können die Programme (noch) nicht erfassen.

Mit dem Mehrwert, den Präsenzseminare durch z.B. Diskussionen, die emotional mit Gestik, Tonlage und Gemütsbewegung geführt werden, zu bieten haben, können Online-Seminare nicht in dem Maße mithalten.

 

IST GESURFT BESSER ALS ERFASST?

Vielleicht müssen wir tatsächlich aufpassen, dass wir durch den täglichen Umgang mit all den digitalen Helferlein wichtige Fertigkeiten nicht vernachlässigen und weiter ausbauen. In der Gruppe diskutieren, gemeinsam etwas erarbeiten, das können Online-Seminare nicht oder nur sehr eingeschränkt bieten. Über all die Freude an den technischen Errungenschaften darf nicht vergessen werden, welche Vorteile Präsenz-Seminare haben, mit allem was dazugehört: gedruckte Unterlagen, die markiert und mit Randnotizen versehen werden. Lerngruppen, die sich auch in der Kaffee- und Mittagspause austauschen. Diskussionen, die emotional mit Gestik, Tonlage und Gemütsbewegung geführt werden. Inhalte kann man manchmal nur so begreifen und behandeln. Ob man zu ähnlichen Ergebnissen kommt, wenn man den Tag gesurft und geskypt hat?