CORONA, KLIMA, CHINA, DIGITALISIERUNG – GLÜCKLICHE ZEITEN FÜR PESSIMISTEN

Diesen Text habe ich bereits Anfang des Jahres zu schreiben begonnen. Zu einer Zeit, als ich das erste Wort der Überschrift noch nicht täglich gelesen und gehört habe. Und wenn ich es doch einmal aufgeschnappt habe, hätte ich es mit einem K wie Korona geschrieben und den leuchtenden Hof um die Sonne damit gemeint. Aber auch im Februar sollte der Text mit diesen Sätzen beginnen:

Die Welt, und damit Sie, ich, unsere Familien, Freunde, Kollegen, stehen vor großen Problemen. Hatte doch bereits im Januar 2020 das letzte KPMG-Stimmungsbarometer einen Rückgang der Befragten, die einen optimistischen Blick auf die Zukunft werfen, von 60% auf 58% gemessen. Auch das Ernst & Young-Mittelstandsbarometer sieht eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland, bedingt durch den Fachkräftemangel und die eher schleppend verlaufende digitale Transformation.

Dass sich die gute Laune in der Gesamtwirtschaft zwischenzeitlich nicht gebessert haben dürfte, liegt auf der Hand. Und auch wenn wir es meist geschafft haben, von jetzt auf gleich flächendeckend im Homeoffice zu arbeiten und die Schulen sich an digitalen Lernmethoden versucht haben, können wir nicht von einem Durchbruch im Bereich Digitalisierung sprechen. Auch wir bei arago Consulting waren etwas erstaunt, dass es nicht zu einem Run auf unsere E-Learning und Blended-Learning Angebote kam, die zu unserem Leistungsportfolio gehören. Vielmehr schienen sich viele Unternehmen in einer Art Schockstarre zu befinden. Andere Probleme mussten vorrangig angegangen werden. Aber auch Anfang des Jahres zeigten die Antworten der befragten Unternehmen ab 2.000 Mitarbeitern bei den oben genannten Umfragen interessanterweise, dass die Priorisierung von Digitalisierungs-Projekten von 62% auf 54% gesunken ist.

Wir sollten uns also nicht wundern, wenn uns China in allen wirtschaftlichen Bereichen bald den Rang ablaufen wird. Dem von der chinesischen Regierung herausgegebenen Ziel, im Jahre 2050 die Position des wirtschaftlichen Weltmarktführers einzunehmen, dürfte somit nichts im Wege stehen. Vom angestrebten Titel des Exportweltmeisters ganz zu schweigen. Während wir uns mit der DSGVO herumschlagen, führt China ein Social Credit Score System ein. Nichts anderes als eine Rundumüberwachung der Bürger, bei der man für »gutes« Verhalten Punkte erhält. Der Staat organisiert sich hierbei wie ein Wirtschaftsunternehmen und gibt Soll-Ziele aus. Bewertet werden alle Lebensbereiche, von der Mülltrennung bis zum Verhalten im Straßenverkehr. Während unsere Daten irgendwo im Silicon-Valley verarbeitet und ausgewertet werden, baut China mit den Daten seiner Bürger eine neue Seidenstraße auf.

Die Auswirkungen des Klimawandels werden uns einschneidende Anpassungen unseres Lebenswandels abverlangen. Gänzlich aufhalten lässt er sich dennoch nicht. Folge wird weltweit eine weitere Zunahme der Migration sein. Rosige Aussichten!

Themenwechsel. Gerne möchte ich Sie zu einer kleinen Umfrage einladen. Bitte antworten Sie rasch. Nennen Sie die Antwort, die Ihr Bauchgefühl Ihnen als richtig empfiehlt.

 

1. In den letzten 20 Jahren hat sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung…?

a) nahezu verdoppelt.
b) nicht oder nur unwesentlich verändert.
c) nahezu halbiert.

2. Wie viele der einjährigen Kinder auf der Welt sind gegen irgendwelche Krankheiten geimpft?

a) 80 Prozent
b) 50 Prozent
c) 20 Prozent

3. Wie hat sich die Zahl der Todesfälle pro Jahr durch Naturkatastrophen über die letzten 100 Jahre entwickelt?

a) Sie hat sich mehr als verdoppelt.
b) Sie ist etwa gleichgeblieben.
c) Sie hat sich mehr als halbiert.

4. Wo lebt die Mehrheit der heutigen Weltbevölkerung?

a) In Ländern mit geringem Pro-Kopf-Einkommen
b) In Ländern mit mittlerem Pro-Kopf-Einkommen
c) In Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen

5. 1996 standen der Tiger, der Riesenpanda und das Spitzmaulnashorn auf der Liste der gefährdeten Tierarten. Wie viele dieser drei Spezies sind heute stärker vom Aussterben bedroht als 1996?

a) keine
b) eine
c) zwei

Lösungen: 1.c), 2.a), 3.c), 4.b), 5.a)

Und, lagen Sie mit Ihrem Bauchgefühl richtig? Wenn ja, herzlichen Glückwunsch. Dann haben Sie gute Chancen, den Gapminder Test zu bestehen und eine Urkunde zu erhalten. Die Fragen habe ich dem Gapminder Test 2018 entnommen. Alle 13 Fragen können Sie sich hier gerne anschauen: http://forms.gapminder.org/s3/test-2018

Ich vermute jedoch, dass die wenigsten unserer Leser mit ihren Einschätzungen komplett richtig gelegen haben. Kein Wunder, habe ich Sie in der Einleitung auch mit vorrangig negativen Szenarien eingestimmt. Der tägliche Blick in die Medien bestärkt uns in der Annahme, dass die Herausforderungen zunehmen und permanent anspruchsvoller werden. Und die Aufgaben, die vor uns liegen, werden nun durch eine weltweite Pandemie nicht leichter. Jedoch sollten wir uns auch das vor Augen halten, was bereits gemeistert wurde.

»Unsere Existenz kann nicht nur darin bestehen, ein erbärmliches Problem nach dem anderen zu lösen. Es muss Gründe geben zu leben.«

Das sagt Elon Musk. Was also tun? Wie wäre es, wenn wir uns einfach auf die Zukunft freuen? Denn wer sich auf die kommende Zeit freut, wird erfolgreicher sein. Elon Musk sagt von sich: »Ich denke an die Zukunft, ohne dabei traurig zu sein«. Der umtriebige Unternehmer mag kein PR-Genie sein und seine Ideen werden teilweise (noch?) belächelt. Es klingt auch zumindest originell, wenn der Gründer von Tesla, PayPal und SpaceX mit seinem Projekt »Hyperloop« daran arbeitet, Menschen in einer unterirdischen Kapsel auf Luftkissen bis zu einer Geschwindigkeit von 1.220 km/h zu beschleunigen und so Distanzen von 600 km in 35 Minuten überwinden will.

Das ist mal eine Vision! Mit einer Vision machen Unternehmen auf sich aufmerksam und holen sich die Mitarbeiter an Bord. Hat eine Firma kein Zukunftsbild, kommen die jungen Leute nicht. Unternehmensführung impliziert eine Bewegung, die Richtungsweisung des Leaders, eine Idee, wo die Reise hin gehen soll. Auch wenn in Ihrem Unternehmen noch nicht an dem hyperschnellen Luftkissen-Transport gearbeitet wird, sondern Sie sich vorerst mit rationalen Zielen beschäftigen, sollte die Führung die Richtung der Bestrebungen vermitteln. In den ersten Tagen des Lockdowns, als meine Theater-, Oper und Fußballtickets plötzlich nur noch gedrucktes Papier waren, habe ich alte Puzzles aus dem Schrank hervorgeholt. Selbst wenn mir der Karton verraten hat, dass die 1000 Teile am Ende eine Ansicht des Comer Sees ergeben werden, hat es seine Zeit gedauert, bis das Werk vollbracht war. Nicht auszudenken, wie lange es sich hingezogen hätte, wenn ich die Teile ohne Verpackung, ohne Bild also ohne »Ziel«, versucht hätte, zusammenzusetzen.

Auch wenn das Team über die gemeinsame Vision im Unklaren gelassen wird, kann das Arbeiten ein wenig wie der Blindflug im Nebel aussehen. Und man mag sich fühlen wie Alice im Wunderland. Sicher kennen Sie ihren bekannten Dialog mit der Grinsekatze: »Würdest du mir bitte sagen, wie ich von hier aus weitergehen soll?‘ ‚Das hängt zum größten Teil davon ab, wohin du möchtest‘, sagte die Grinsekatze. ‚Ach, wohin ist mir eigentlich gleich…‘, sagte Alice. ‚Dann ist es auch egal, wie du weitergehst‘, erwiderte die Katze.« Die emotionale Wirkung eines gemeinsamen Zukunftsbildes und einer gemeinsamen Richtung dagegen motiviert.

Die Antwort auf die Fragen »Warum mache ich diesen Job?« ist Grundlage und Antrieb. Der Erfolg wird dabei in der Verbindung »Ko-Ko« liegen: in der Interaktion von Kommunikation und Kollaboration. An einem vernetzten Arbeiten führt kein Weg mehr vorbei. Auch und vor allem innerhalb des Unternehmens muss der Konkurrenz-Gedanke zurückstehen. Nur mit einem Wissensaustausch kann ein Weiterkommen gelingen. Das Weltwissen verdoppelt sich alle acht Jahre, das technische Wissen alle zwei Jahre. Das bedeutet, die Halbwertzeiten des Wissens nehmen ab. Wir müssen immer mehr und immer schneller lernen. Die Kompetenzprofile der Arbeitsplätze wandeln sich immer schneller. Ja, auch Corona verändert unser Leben. Es wird eine Post-Pandemie-Welt geben. Dabei geht es nicht um die Frage, ob diese besser oder schlechter sein wird. Was ich mir wünschen würde, wäre die Erkenntnis, insbesondere von uns Europäern, dass wir eine besondere Herausforderung gemeistert haben. Und das dies uns animiert, die Lösungen für weitere Herausforderungen, die es unweigerlich geben wird, nicht nur im Silicon Valley und in Shenzen zu suchen. Denn die wichtigsten Kompetenzen dafür besitzen wir: Kreativität, Mut und Neugier.