DER ZWEITE FRÜHLING DES PRÄSENZLERNENS: LIBERATING STRUCTURES

In unserer Rubrik zu Präsenzveranstaltungen möchte ich Sie heute mit Liberating Structures, befreienden Strukturen, bekannt machen. Strukturen geben Arbeiten und Prozessen Form. Mit einer gegliederten Präsentation können alle Beteiligten auf den aktuellen Stand gebracht werden. Vorhandenes Wissen kann präzise weitergegeben werden. Raum für einen Ideenaustausch ist bei dieser Veranstaltungsform jedoch nur bedingt gegeben. Diametral dazu steht eine offene Diskussionsrunde. Zwar bietet sie Gelegenheit, Meinungen und Positionen darzustellen, doch je nach Naturell werden die einen mehr, die anderen weniger Gehör finden. Schnell kann die Debatte zum »Dampfablassen« genutzt werden und das Erzielen von Ergebnissen geschieht mitunter eher zufällig.

Keith McCandless ist, neben Henri Lipmanowicz, einer der Kuratoren und Erfinder von Liberating Structures.

Mit den Liberating Structures haben Keith McCandless und Henri Lipmanowicz 33 kleine Strukturen erstellt, die es ermöglichen sollen, alle Mitglieder einer Organisation unabhängig von Hierarchien einzubeziehen. Durch vorgegebene Aktionen wird dem Diskurs ein Rahmen gegeben. Anstatt einem kleinen Team die Planung zu verantworten und die Ergebnisse im Anschluss dem Plenum zu präsentieren, sind alle eingeladen, mögliche Lösungsansätze mitzudenken. Firmen, die Liberating Structures eingeführt haben, und dazu zählen bekannte Namen wie Microsoft, die NASA oder das Pharmaunternehmen Merck, sind nicht überzeugt, dass es den einen »best-practice« Weg gibt. Und nur durch ein Mehr an personellem Training sind Ziele nicht immer zu erreichen. Wenn man davon Abstand nehmen möchte, dass die »Experten« den Ton angeben, kann man Organisationen durch Liberating Structures ermöglichen, Unterschiede zu (er-)leben. Dabei solle man vorurteilsfrei und ohne festgelegte Zielsetzung in das Gespräch gehen.

WENN MAN DAVON ABSTAND NEHMEN MÖCHTE, DASS DIE »EXPERTEN« DEN TON ANGEBEN, KANN MAN ORGANISATIONEN DURCH LIBERATING STRUCTURES ERMÖGLICHEN, UNTERSCHIEDE ZU (ER-)LERNEN.

Doch wie genau kann man sich diese »befreienden Strukturen« vorstellen? Von den aktuell 33 »Werkzeugen« möchte ich Ihnen exemplarisch drei vorstellen:

TRIZ, dargestellt mit einem Flammen-Symbol, liegt der Gedanke zugrunde »Wenn Neues entstehen soll, muss Altes zerstört werden«. Im ersten Schritt werden alle Mitglieder der Gruppe aufgefordert, eine Liste mit den Dingen zu erstellen, die unternommen werden müssten, um das möglichst schlechteste Ergebnis für das anvisierte Ziel zu erreichen. Zweitens solle jeder überlegen, welche Punkte dieser Liste aktuell bereits im Unternehmen gelebt würden, und sei es auch nur ansatzweise.

Der Austausch innerhalb der Runde findet bei den Liberating Structures häufig nach dem Prinzip »1–2–4–alle« statt. Zu Beginn macht sich jeder alleine Gedanken. Danach finden sich Zweierteams, die ihre Ideen austauschen, um sich im Anschluss zu viert zusammenzufinden. Diese Ergebnisse werden abschließend dem Plenum vorgestellt.

Bei 25/10 kann sich jeder mit der Frage auseinandersetzen »Wenn ich zehnmal mutiger wäre, welche kühne Idee würde ich vorschlagen und angehen wollen?« Auf der Vorderseite einer Karteikarte wird der Einfall notiert und erste Schritte zur Umsetzung skizziert. Danach wird die Inspiration von fünf Personen im Raum begutachtet und mit Punkten bewertet. Maximal 5 Punkte sind zu vergeben. Zum Abschluss wird zusammengezählt und der Moderator fragt in die Runde, wer die Höchstmarke von 25 Punkten erreicht hat, oder 24, 23 usw.

Die 15%-Solutions zeigen, dass man sich von großen Herausforderungen nicht entmutigen lassen solle. Besser sei es zu überlegen, welche 15% jeder zur Lösung beitragen könne. Auch hier können die Notizen mit der »1-2-4-alle«-Methode ausgetauscht und bewertet werden.

Dem Gedankenaustausch wird mit Liberating Structures eine Form gegeben. Welche Richtung der Diskussionsverlauf nimmt, wird von Gruppe zu Gruppe höchst unterschiedlich sein. Und es birgt die »Gefahr«, dass Dinge vielleicht völlig neu gedacht und bewertet werden. Aber genau darin liegen auch die Chancen dieser Methode.

Mehr Informationen finden Sie unter www.liberatingstructures.de und www.holisticon.de/liberating-structures/.

Bei einem 20-minütigen »Impromptu Networking« (spontanes Netzwerken) kann sich in einer Gruppe eine produktive Art der Zusammenarbeit entwickeln. Fragestellungen werden ausgetauscht, Herausforderungen geteilt, Erwartungen gebildet und individuelle Lösungsansätze für ein Problem gefunden.