ANALOG ODER DIGITAL? MONOLOG MIT EINEM BUCH

Kulturpessimisten haben bereits vor langer Zeit den Untergang des Buches prophezeit. Und wer hat noch die Geduld und Ausdauer, lange Texte zu lesen? Denn einhergehend mit der Digitalisierung haben sich auch die Lesegewohnheiten gewandelt und wir sind es inzwischen gewohnt, auf die Schnelle die kurzen Sätze auf den unterschiedlichen Plattformen zu überfliegen, um über das Wichtigste vom Tage informiert zu sein – vermeintlich zumindest. Dennoch werden jährlich zigtausende Neuerscheinungen angekündigt – nicht nur auf den beiden Buchmessen in Frankfurt/Main und Leipzig (sofern sie stattfinden). So betrug die Zahl der Neuerscheinungen im Jahr 2019 laut Statista 70.395. Und auch der Buchhandel ist mit dem Umsatz der letzten Jahre zufrieden. Wie also ist es um die Zukunft des Buches bestellt?

»Diese Zeilen wollte ich dir längst schon geschrieben haben, liebes Buch. Sie geistern seit Langem in meinem Kopf herum, werden fast täglich genährt und vielfach diskutiert…

Eines vorweg: Ich liebe dich und all die anderen Bücher! Aber das müsstest du ja wissen … Selten kann ich der Versuchung eines Buchladens widerstehen und sobald ich ihn betrete, weiß ich, dass ich auch diesmal wieder mit einem neuen »Schatz« in der Hand das Geschäft verlassen werde. Dieses neue Buch wird bald verschlungen sein und anschließend einen Platz im Regal erhalten, neben vielen anderen. Freunde werden es sich später ausleihen (nur die besonders guten Freunde – versteht sich: jene, die Bücher anständig behandeln und wieder zurück geben :-D). Und sie werden das Buch vielleicht ebenso verschlingen wie ich.

Und doch, liebes Buch, bitte verzeih mir dies, werde ich dir ab und an untreu. Statt die Regale abzuwandern und dicke »Schinken« mit auf Reisen zu nehmen, freue ich mich inzwischen über das Bücherregal auf dem Tablet, auf dem E-Book-Reader oder sogar auf dem Smartphone. Hier kann ich jede Menge Zeitschriften mitnehmen und mehr Bücher »einpacken« als ich Zeit zu lesen habe.

Ja, ich gebe dir recht: Es ist schön, dich in die Hand zu nehmen, dich zu fühlen, über deinen Rücken zu streichen, in dir zu blättern – auch einfach nur so, ohne Ziel. Aber: Auch mein Tablet mit seinem gelungenen Design liegt wunderbar in der Hand und die Bücher im digitalen Bücherregal halten so manche Überraschung für mich bereit: Da sind die 360°-Aufnahmen, die mir im wahrsten Sinne des Wortes einen fantastischen Rundumblick in der Welt erlauben; da sind die Videos, die deine Buchstaben mit Leben füllen – mit Menschen, die ich so noch besser kennenlernen kann, mit Musik, die deine Texte bereichern oder mit Animationen, die meiner Vorstellungskraft auf die Sprünge helfen. Bitte, liebes Buch – sei jetzt nicht beleidigt. Ich brauche dich. Aber vielleicht nicht ausschließlich und nicht so, wie bisher … Ich versuche, es dir zu erklären, ja?

Vor einiger Zeit saß ein Englischlehrer neben mir und korrigierte ganz geduldig Aufsätze. Du ahnst es: auf seinem Tablet. Ich konnte meine Neugier kaum zügeln und begann, ihn auszufragen. Er hatte seinen Schülern »Hamlet« per E-Book nähergebracht – rechts der Text, den man anklicken
konnte, um an jeder Stelle eine Übersetzung zu erhalten, und links ein Video mit einer Schauspielszene, um den Text fassbarer zu machen. Die Schüler schrieben ihren Aufsatz wahlweise mit der Hand (dieser wurden dann in ein PDF umgewandelt) oder (zumeist) auf ihrem Tablet. Der Lehrer las nun munter einen Riesenstapel Aufsätze (diese insgesamt nicht dicker als sein Tablet ;-), markierte Stellen, mit denen er nicht zufrieden war, fügte eigene Anmerkungen hinzu und gab einen abschließenden Kommentar per Audio(!). Du ahnst es vielleicht auch: Es war ein Lehrer an einer ganz normalen Highschool, in einem ganz normalen Ort – irgendwo in Amerika.

Ein anderes Beispiel: Wie du weißt, habe ich mich in den letzten Jahren besonders intensiv mir dir und vielen anderen Büchern beschäftigt, habe versucht, das viele Wissen (oder waren es zu diesem Zeitpunkt für mich erst noch Informationen?), welches in euch steckte, zu etwas Neuem zu vereinen und dieses Neue mit meinen Gedanken zu bereichern. Nur: Wie oft fehlte mir ein Buch? Wie oft musste ich mehrere Wochen, ja – sogar Monate(!) warten, um endlich einen Blick hinein werfen zu können? Du weißt, wie schwierig sich Recherche dann gestalten kann, denn ich komme schlicht nicht an die Quellen, kann meinen Ideen nicht nachgehen, ihnen keinen Raum geben. Das waren die Zeiten, in denen ich verzweifelt im Internet nach E-Books oder einfach nur nach Textschnipseln gesucht habe. Wäre mir zu diesem Zeitpunkt eine Werbeoffensive für Google Books begegnet – ich hätte eine lebenslange Spende unterschrieben!

In einem digitalen Buch kann ich nach Wörtern oder ganzen Sätzen suchen, kann diese verlinken mit anderen Inhalten und auch mit anderen Personen, kann sie mit weiteren Informationen versehen usw. Warum machst du, liebes Buch, es mir so schwer? Erinnerst du dich noch, wie sehr Platon dagegen gewettert hat, überhaupt etwas aufzuschreiben? Nein? Ich zitiere es noch einmal für dich: »Denn wer dies lernt, dem pflanzt es durch die Vernachlässigung des Gedächtnisses Vergesslichkeit in die Seele, weil er im Vertrauen auf die Schrift von außen her durch fremde Zeichen, nicht aber von innen her aus sich selbst die Erinnerung schöpft. Nicht also für das Gedächtnis, sondern für das Erinnern erfandest du ein Mittel. Von der Weisheit aber verleihst du deinen Schülern den Schein, nicht die Wahrheit.« (Platon, 1957, S. 86 f.)

Das Schreiben stellen wir heute nicht infrage. Geben uns doch viele alte Texte eine Idee davon, wie es vor vielen Jahren gewesen sein könnte – wie Menschen gelebt haben und was sie bewegt hat. Aber gehen uns mit dem bloßen Aufschreiben der Texte nicht die Situationen, der Kontext, verloren, in welchem ebendiese niedergeschrieben wurden? Digitale Texte können mit all den zuvor erwähnten Möglichkeiten hier vielleicht ein wenig den Nebelschleier lüften – jedenfalls für die Texte, die gegenwärtig und zukünftig geschrieben werden.

Liebes Buch, du warst das Fundament. Doch nun lass uns weitergehen. Gemeinsam.
Deine Birgit

PS: Eine dahinplätschernde Diskussionsrunde über die Zukunft von Zeitschriften und Büchern hat mich dazu inspiriert diese Zeilen zu schreiben. Eine Stunde, die für mich kaum zu ertragen war ob der Einmütigkeit der Teilnehmer*innen, welche die »digitalen Ausrutscher« des Buches wohl zur Kenntnis nahmen, aber die Endlichkeit des Buches in seiner bisherigen Form und seinem bisherigen Gebrauch nicht annähernd infrage stellten. Ich darf an dieser Stelle abschließend zitieren: »Digitalisierung geschieht, und es ist nicht an uns Menschen zu entscheiden, ob das Wissen automatisiert werden soll oder nicht. Die Logik der Technologie […] entzieht sich unserem Zugriff.« (Bunz 2012, S. 63).«

Birgit Spies ist Professorin für Bildung und Digitalisierung und Studiengangsleiterin für Medien- und Kommunikationsmanagement (B.A.) im Fachbereich onlineplus. Sie studierte Informationstechnik (Dipl.-Ing. TU) und Medien und Bildung (M.A.). Später promovierte sie in den Fächern Pädagogik und Psychologie (Dr. phil.) zum Thema des Informellen Lernens im Social Web. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind die Medienbildung und die Medienpsychologie.

LITERATUR:

• Bunz, M. (2012). Die stille Revolution. Berlin: Suhrkamp.
• Platon (1957). Phaidros oder Vom Schönen. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 5789. Stuttgart: Reclam.

QUELLENANGABE:

Erstabdruck:
à propos [2020.2021]
Das Jahresmagazin des Fachbereichs onlineplus der Hochschule Fresenius Published Dezember 2020