STATT VERÄNDERUNG MITZUGESTALTEN, RENNEN WIR DER TECHNISCHEN ENTWICKLUNG HINTERHER: EIN GESPRÄCH MIT UNSERER BEIRÄTIN FRAU PROF. DR. BIRGIT SPIES

Unsere Beirätin Frau Prof. Dr. Birgit Spies hat an der Hochschule Fresenius in Hamburg die Professur für Bildung und Digitalisierung inne und leitet den Fernstudiengang Medien- und Kommunikationsmanagement. In Zusammenarbeit mit Frau Dr. Maren Metz, die den Studiengang Psychologie am Fachbereich Gesundheit und Pflege der Hamburger Fern-Hochschule leitet, ist im vergangenen Jahr das Buch »Digitale Psychologie – Einordnung, Arbeits- und Forschungsfelder« bei Springer erschienen.

Wir hatten die Möglichkeit, mit Frau Prof. Dr. Spies über Psychologie und Digitalisierung zu sprechen.

Katrin Groß (KG): Frau Prof. Spies, in Ihrem Buch regen Sie an, dass die Psychologie bei der Thematik der Digitalisierung nicht am Rande stehen solle. Sie solle sich nicht darauf beschränken, nachträglich zu forschen und zu analysieren. Besser sei es, jetzt zu agieren und mitzugestalten. Wo würden Sie ansetzen, wo kann sich die Psychologie einbringen und Entwicklungen begleiten?

Prof. Dr. Birgit Spies (BS): Im technischen Bereich erleben wir eine rasante Entwicklung. Dabei sind interdisziplinäre Arbeitsteams eher selten zu finden. Aus meiner Sicht wäre es wichtig, dass die Psychologie mit einbezogen würde. Wir benötigen Fachleute, die vorausschauen, die bedenken, welche Folgen unser Tun haben kann. In den technischen Laboren finden wir zu wenig Anknüpfungspunkte an andere Bereiche, die beispielsweise untersuchen, wie sich Kommunikation oder Beziehungen, auch über Entfernungen hinweg, verändern. Dabei sollte die Forschung frühzeitig auch die Risikofolgen bedenken und beispielsweise fragen: »Was passiert, wenn wir diese Technik einsetzen? Welche Auswirkungen hat das?«

KG: Sind Ihnen Beispiele bekannt, wo im Zusammenhang mit neuen Technologien interdisziplinär geforscht und gearbeitet wird?

BS: In der TU Dresden gibt es erste Ansätze. Grundsätzlich findet dies aber viel zu wenig statt. Wenn ein Programmcode geschrieben wird, fließt in diesen immer auch das Weltbild des Programmierers mit ein, mit all den persönlichen Vorurteilen. Es gibt Firmen, die KI bei der Personalauswahl einsetzen. Da werden für die automatisierte Personalauswahl z.B. bestimmte erwünschte Persönlichkeitsmerkmale und Anforderungen für Mitarbeiter definiert und in einen Algorithmus umgesetzt. Und so ein Algorithmus lernt auch anhand vorhandener Daten, also der momentanen Mitarbeiterstruktur im Unternehmen. Damit wird der aktuelle Zustand durch den Algorithmus in der Zukunft fortgeschrieben.

Mit Hilfe eines Algorithmus und Künstlicher Intelligenz lassen sich Daten analysieren und bspw. die Personalauswahl erleichtern.

KG: Unternehmen sehen es als notwendig an, bei der Digitalisierung nicht den Anschluss zu verlieren. Wo könnten sie ansetzen und die Psychologie einbeziehen, um dies beispielsweise im Personalbereich gut umzusetzen?

BS: Technische Neuerungen bedeuten Veränderung. Veränderung bedeutet Stress. Die Unternehmen sollten dafür sorgen, dass die Mitarbeiter Sicherheit erfahren, dass sie auch bei Veränderungen Rückendeckung erhalten. Die Psychologie kann Veränderungsprozesse sehr gut begleiten. Man spricht ja in diesem Zusammenhang von »Change-Management«. Ich halte diesen Begriff für nicht gut gewählt. Veränderung kann man nicht managen. Das mag ein Projekt, ein Prozess sein, ja. Aber die Gestaltung sollte mit Freiheit erfolgen. Die Menschen müssen dabei mitgenommen werden. Veränderung kann nicht von oben verordnet werden. Sie kann nur gemeinsam im Unternehmen erfolgen. Dazu müssen die Mitarbeiter ihre Aufgabe verstehen, sie müssen ihren Aufgabenbereich handhaben können und sich der Bedeutung ihres Tuns im Gesamtkomplex bewusst sein. Man mag nur ein Rädchen im Getriebe sein. Aber auch dieses Rädchen ist sinnvoll.

KG: Jüngere Menschen scheinen bei dieser Thematik weniger Ängste zu verspüren, oder?

BS: Jüngere haben eine unbedarftere Herangehensweise, was neue Techniken betrifft. Allerdings zeigen Untersuchungen, dass digitaler Stress bei den unter 30-jährigen besonders hoch ist. Das liegt auch an der verteilten Aufmerksamkeit, mit der mehrere Dinge parallel versucht werden zu erledigen. Das funktioniert nicht. Wir sind nicht multitaskingfähig.

Alles gleichzeitig zu jonglieren, ist nicht leicht – wir sind nicht multitaskingfähig.

Digital hin oder her: Wir sind soziale Wesen. Wir sind auf Wertschätzung, auf Wahrgenommen werden angewiesen. Und wir sollten überlegen, wie können wir das eine tun, ohne das andere zu lassen. Jüngere mögen eine andere Art haben, mit den Anforderungen einer digitalen Arbeitswelt umzugehen. Aber auch sie erleben, dass sich Verantwortung und Arbeit dynamisch entwickeln. Und wenn Verantwortung übertragen wird, ohne dass man dabei Möglichkeiten zur Gestaltung erhält, dann wird es schwierig.

KG: Ängste hat man vor etwas, was man nicht kennt. Kann die Psychologie helfen, diese Ängste zu nehmen?

BS: Wir können jetzt die Veränderungen mitgestalten. Das tun wir aber noch nicht ausreichend. Im Moment rennen wir scheinbar hinterher, haben kaum Visionen und lassen das, was die neuen Techniken bringen, mit uns geschehen. Dabei haben wir es in der Hand, wir nutzen das jedoch nicht. Vielleicht sind wir einfach hoffnungslos überfordert. Ich vergleiche die aktuelle Situation mit der Einführung der ersten Autos. Da gab es noch keine Fußwege, keine Straßen, keine Straßenverkehrsordnung. Das wurde erst nach und nach eingeführt. Etwas Vergleichbares benötigen wir jetzt auch. Zum Beispiel eine Regelung, wie wir im Netz miteinander umgehen wollen. Beleidigungen sind im direkten Umgang miteinander nicht akzeptiert. Auch im Netz sollte das so sein. Ethische Richtlinien sind nicht vorhanden, dafür viele Begehrlichkeiten. Dabei könnte man einiges grundsätzlich überdenken, z.B. welchen Preis unsere Bequemlichkeit hat. Überlegen Sie, was wir uns alles liefern lassen. Muss wirklich jede Pizza vor die Haustür gebracht werden? Ähnlich wie wir uns Gedanken darüber machen, mit welcher Nahrung wir unseren Körper versorgen, sollten wir uns Gedanken machen, was wir im Netz anstellen und auch, was mit unseren Daten geschieht.

Wir stehen meiner Meinung nach erst am Anfang der Digitalisierung. Und dennoch ist der Energieverbrauch jetzt schon immens. Wenn man das gesamte Internet als ein Land betrachten würde, würde der Stromverbrauch dieses »Landes« an dritter Stelle weltweit stehen! Auch diese ökologischen Auswirkungen der Digitalisierung müssen mit bedacht werden. Einfach alles und alle miteinander vernetzen, ohne zu überlegen, welche Datenströme wir da produzieren, welche Folgekosten das hat, wie viele neue Rechenzentren mit enormen Energieverbrauch wir dazu benötigen und damit weiter das Klima belasten, das ist einfach zu kurz gedacht.

KG: Ich habe die Tage gelesen, dass wir bereits bei dem angelangt sind, was unser Gehirn maximal verarbeiten kann, bezogen beispielsweise auf die Sprachgeschwindigkeit von Podcasts oder den Bildern pro Sekunde im Stream.

BS: Es stimmt, dass unser Gehirn nur eine bestimmte Menge und Geschwindigkeit von Daten verarbeiten kann. Hinzu kommt, dass wir derzeit eine Verdichtung der Arbeit erfahren. Einfache Arbeiten fallen zunehmend weg, denn die können von den Maschinen erledigt werden. Was bleibt, sind kognitiv anspruchsvolle Tätigkeiten. Das ist einfach anstrengend, denn unser Gehirn läuft so ständig mit Vollgas. Aber es braucht die Abwechslung, schnell und langsam, Ruhe, Kreativität und Dynamik, das muss sich abwechseln. Im Gehirn laufen biochemische Prozesse ab, damit wir uns erinnern und Neues miteinander vernetzen können. Es braucht einfach Zeit, bis eine neue Verknüpfung im Gehirn angelegt ist. Das lässt sich nicht beschleunigen. Wir müssen daher fragen: »Was macht das mit den Menschen?« Wir alle benötigen Sicherheit, eine vertraute und sichere Umgebung. Wenn alles um uns herum unsicher wird, stellen wir uns auch selbst in Frage.

KG: Ja, im Vergleich zur Maschine sind wir unperfekt. Aktuell ist eine Serie auf Netflix sehr beliebt, bei der die Heldin eine virtuose Schachspielerin ist. Doch auch der beste Schachspieler hat keine Chance mehr, gegen einen Computer zu gewinnen. Dennoch lassen sich die Schachspieler nicht davon abhalten, weiter gegeneinander anzutreten.

BS: Die »Unperfektheit« ist doch das besondere an uns Menschen. Die Maschine kann nur das tun, was ihr vorgegeben ist. Wenn ich jedoch einhundert Mal denselben Weg zu gehen habe, könnte ich vielleicht beim nächsten Mal einen ganz anderen Weg gehen. Das ist das so Wunderbare: ich kann mich zu jeder Zeit umentscheiden, etwas anders machen, anders sehen. Wir haben die Fähigkeit zur Veränderung, wir können Dinge ganz neu denken. Das kann die KI nicht. Wenn wir uns als Konkurrenz zur Maschine sehen, haben wir verloren. Eine Maschine, die einen Schrank herstellt, kann dies unzählige Male genau gleichtun. Aber ich kann den vielleicht entscheidenden Schnörkel spontan noch daraufsetzen.

Wir sollten bedenken: »Was macht uns als Menschen besonders?« Da können wir ansetzen. Wir können überlegen, wo Veränderung sinnvoll ist und wie wir damit umgehen wollen. Und das sollten wir auch formulieren, wenn wir noch keine Lösung haben und nicht genau wissen, wohin uns diese Fragen führen werden. Wir sollten uns selbst vertrauen.

Wir sollten eine Maschine nicht als Konkurrenz sehen.

KG: Frau Prof. Spies, vielen Dank, dass Sie sich so viel Zeit genommen haben für dieses außerordentlich interessante Gespräch!

 

»Digitale Psychologie – Einordnung, Arbeits- und Forschungsfelder« von Prof. Dr. Birgit
Spies und Dr. Maren MetzErschienen im Springer Verlag, Fachmedien,
Wiesbaden, 2020