DER SCHRIFTSPRACHERWERB IN DER DISKUSSION

Zurzeit wird die Thematik »Schreiben nach Hören« erneut diskutiert, denn in Nordrhein-Westfalen soll dieses Konzept abgeschafft und eventuell verboten werden. In den Bundesländern Hamburg und Baden-Württemberg ist dies bereits geschehen. Genau genommen trägt die Methode den Namen »Lesen durch Schreiben« und wurde vom Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen († 2009) in den 1970er Jahren entwickelt.

In vielen Schulen werden verschiedene Methoden kombiniert. In Rheinland-Pfalz unterrichteten 2015 lediglich 16 von 969 Grundschulen ausschließlich nach der „Lesen durch Schreiben“-Methode.

Kritiker bemängeln, dass bei den Kindern der Eindruck entstehe, die Rechtschreibung sei nicht wichtig. Zudem würden sich die falschen Schreibweisen in den Köpfen festsetzen. In Baden- Württemberg seien die Rechtschreibleistungen in Vergleichen gesunken, woraufhin die Methode »Lesen durch Schreiben« verboten wurde. Dabei ist eine Wirkungsuntersuchung von Methoden sehr aufwändig. Die Leistungen der Kinder werden durch zahlreiche Faktoren –beispielsweise sozialer Status, Lehrkraft, Lernvoraussetzung, etc. – beeinflusst. Diese Faktoren müssen kontrolliert werden, so dass ein Rückschluss auf den effektauslösenden Faktor möglich ist.Im Mittelpunkt der Methode steht die Befähigung der Kinder, die deutschsprachigen phonetischen Eigenschaften zu verstehen. Daher müssen Lautunterscheidungsvermögen, Aufmerksamkeit,  Konzentration, kognitive Orientierungsfähigkeit und die Wahrnehmung gefördert werden. So sollen die Kinder schließlich in der Lage sein, deutschsprachige Wörter phonetisch vollständig zu verschriftlichen. Mit Hilfe einer Anlauttabelle, auf der jeder Laut mit einem Bild visualisiert ist – beispielsweise Affe für A – seien die Kinder in der Lage, Wörter und sogar Texte zu schreiben, ohne die Buchstaben selbst gelernt zu haben.

In der gesamten Diskussion um Methoden des Schriftspracherwerbs werden jeweils nur die thematisierten Methoden beschrieben, jedoch nie, wie Kinder tatsächlich das Schreiben lernen. Die Erziehungswissenschaftlerin Renate Valtin hat sechs Stufen des Schriftspracherwerbs definiert, das sogenannte Valtin’sche Stufenmodell:


1. VORKOMMUNIKATIVE AKTIVITÄT
Die Kinder sind in der Lage äußere Verhaltensweise von Buchstaben nachzuahmen, kritzeln jedoch, anstatt zu schreiben.

2. VORPHONETISCHES STADIUM
Die Kinder erkennen einzelne Buchstaben aufgrund ihrer figurativen Merkmale. So sind sie in der Lage den eigenen Namen oder bekannte Buchstabenreihen zu malen.

3. HALBPHONETISCHES STADIUM
Die Kinder beginnen die Beziehung zwischen Buchstaben und Lauten zu verstehen und diese zu schreiben. Dabei werden zuerst vor allem der Anlaut oder ein prägnanter Laut geschrieben. Sie nutzen also die sogenannte Skelettschreibung, bei der in der Regel nur Konsonanten geschrieben werden, wodurch das Wort dennoch oft rekonstruiert werden kann, beispielsweise „RTR“ für Ritter. Interessant ist hierbei, dass selbst die ersten bekannten Alphabetenschriften – beispielsweise die ägyptischen Hieroglyphen – keine Vokale schrieben und nur Konsonanten nutzen.

4. PHONETISCHES STADIUM
Die Kinder beherrschen die lautgetreue Schreibung und schreiben folglich „wie sie hören“, beispielsweise „ROLA“ für Roller.

5. VERWENDUNG VON RECHTSCHREIBMUSTERN
Die Kinder greifen beim Schreiben auf orthographische Elemente zurück und schreiben Umlaute. Dabei können einige Fehler auftreten, wie beispielsweise eine Übergeneralisierung. Statt der korrekten Schreibung „Oma“ wird beispielsweise „Omer“ geschrieben.

6. ENTWICKELTE RECHTSCHREIBUNG
Die Kinder verwenden orthographische Muster sowie Morpheme, wie beispielsweise „ver-“.

Das Stufenmodell zeigt, dass die Kinder im Prozess des Schriftspracherwerbs automatisch beginnen, nach ihrem Gehör zu schreiben. Bis diese phonetische Schreibweise gelernt ist, sollten Eltern und Lehrkräfte tatsächlich keine Rechtschreibfehler korrigieren, um die Kinder nicht zu überfordern. Sind die Kinder in der Lage, Wörter phonetisch zu verschriftlichen, sind Korrekturen  der Orthographie wichtig. Dabei muss den Kindern verdeutlicht werden, dass Fehler legitim sind und im Entwicklungsprozess eine wichtige Rolle spielen.

Das Mercator Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache spricht sich gegen ein Verbot irgendeiner Methode aus, da es keine  belastbaren Studien gäbe, die eine Nichteignung definitiv beweise. Doch was ist nun für den Schriftspracherwerb der Kinder zu empfehlen?

Es klingt fast banal, doch die Individualität der Lernenden spielt eine besondere Rolle. Die eingesetzte Methode muss auf den Lerntyp des jeweiligen Kindes abgestimmt sein, um so dessen individuelle Fähigkeiten zu fördern. Gleichzeitig müssen die Neugier und das Interesse der Kinder am Lesen und Schreiben genutzt und weitergeführt werden, ohne sie zu demotivieren. Ebenso ist die Befähigung und Persönlichkeit der Lehrkraft von herausragender Bedeutung. Diese muss in der Lage sein, die Methode sicher anzuwenden und zu den Kindern einen guten Zugang finden.

Werden diese Aspekte berücksichtigt, ist ein ordnungsgemäßer Schriftspracherwerb möglich und für die Kinder erreichbar.


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