FACHVORTRAG: WIR SEHEN, WAS WIR W(S)OLLEN

Als spezialisierter Dienstleister im Aus- und Weiterbildungsbereich freuen wir uns stets, wenn wir interessierte Kunden zu unseren Fachvorträgen im Rahmen der arago Consulting Kundenakademie begrüßen dürfen. Im September konnten wir Frau Dr. Gertrud Klauer für den Vortrag „Wir sehen was wir w(s)ollen“ gewinnen. Frau Dr. Klauer ist Biologin und arbeitet seit über 30 Jahren als Wissenschaftlerin und Dozentin an der Dr. Senckenbergischen Anatomie der Goethe-Universität. Hier koordiniert sie das eLearning des medizinischen Fachbereichs und unterstützt und berät die Lehrenden bei dem Einsatz digitaler Technologien.

Sehen ist für uns ein automatisierter Prozess und nur selten hinterfragen wir, was uns „ins Auge sticht“. Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass unsere Umwelt die Dinge ebenso wahrnimmt wie wir. Dabei lassen wir uns nur allzu oft täuschen. So wirken Farben in Abhängigkeit des Hintergrunds stets unterschiedlich. Eine Erfahrung, die viele unserer Kunden bestimmt schon gemacht haben. So erscheint beispielsweise das gedruckte Werk gelegentlich ganz anders, als bei der Betrachtung auf dem Bildschirm. Nicht nur Farben werden gedeutet, unser Gehirn interpretiert sämtliche Informationen, welche die Augen liefern. Und das sind in der Sekunde mehrere Millionen Eindrücke, die es zu verarbeiten gilt. Die Sinneseindrücke werden von unserem Gehirn in eine sinnvolle Realität übersetzt. Vor optischen Täuschungen sind wir deshalb nicht gefeit.

Doch wie funktioniert Sehen? Die uns umgebenden Dinge reflektieren Licht. Die reflektierten Lichtstrahlen treffen zuerst auf die Cornea – die Hornhaut –, werden dort gebündelt und weiter zu der Iris geleitet. Die Iris – auch Regenbogenhaut genannt – ist der farbige Teil unseres Auges. Der schwarze Teil des Auges, die Pupille, steuert, wie viel Licht das Auge aufnimmt. Direkt hinter der Pupille liegt die Linse, die das „scharfe“ Sehen verantwortet. Das gebündelte Licht fällt auf die Retina. Diese Netzhaut besteht aus 100 Millionen Zellen: den Stäbchen, die das Hell-Dunkel-Sehen ermöglichen und den drei Zäpfchen-Arten, für das Blau-, Grün- und Rotsehen. Das Gehirn „errechnet“ mit diesen drei Grundfarben jeden sichtbaren Farbton.  Das für das menschliche Auge wahrnehmbare Lichtspektrum bewegt sich zwar nur in einer Wellenlänge von 380 – 750 nm, dennoch sind wir damit in der Lage über 600.000 Farbtöne zu erkennen.

Haben wir Menschen schon unterschiedliche „Sichtweisen“, so ist es doch nichts im Vergleich zu den verschiedenartigen Sehvermögen in der Tierwelt. Wenn eine Schnecke sich durch unseren Garten arbeitet, nimmt sie unsere bunten Blumenbeete in einem verschwommenen Schwarz/Weiß wahr.

Einige Affenarten können nur Grünschattierungen wahrnehmen. Erst spät in der Evolution entwickelte sich die Fähigkeit des Menschen, das langwellige rote Licht zu sehen. Ein entscheidender Fortschritt, denn so sind wir in der Lage den Reifegrad der Früchte zu erkennen, während für Tiere, die sich ausschließlich von Blättern ernähren, diese Fähigkeit verzichtbar ist.

Vögel können durch ihre vier Rezeptorentypen UV-Licht sehen. Der Beo oder auch der heimische Star zeigt sich seinen Artgenossen in einem schillernden Federkleid, wo wir nur einen schwarzen Vogel sehen.

Wie unterschiedliche Tierarten die Welt wahrnehmen, verdeutlicht auch sehr eindrucksvoll das nachfolgende Video.

Die Sehzellen wandeln die Lichtimpulse in Nervenimpulse um und leiten diese weiter an das Gehirn. Hier treffen diese Informationen auf den sogenannten „Where-“ und den „What-Pathway“ und in Sekundenbruchteilen erkennen wir, wo sich etwas befindet. Gestützt auf unsere bisherigen Erfahrungen wird der Gegenstand katalogisiert und erkannt. Der „Wo-Weg“ erkennt die Bewegung, der „Was-Weg“ identifiziert Bekanntes und kann auch die Emotionen der Gesichter deuten.

Das menschliche Auge hat ein Sichtfeld von ca. 200°. Doch der Teil der Netzhaut, auf dem sich die lichtempfindlichsten Zellen befinden und der damit für das scharfe Sehen verantwortlich ist, deckt nur ca. 1-2°des Gesichtsfeldes ab. Mit Hilfe von Eye Trackern kann gemessen werden, wo und wie lange dieser Bereich des Auges bei der Betrachtung eines Gegenstandes oder Bildes verweilt. Forschungen haben aufgezeigt, dass wir ein besonderes „Augenmerk“ auf Gesichter haben, hier bleibt der Blick gerne hängen. Aber auch Werkzeuge sind von besonderem Interesse für uns.

Frau Dr. Klauer beschäftigt sich in ihrer Forschungsarbeit damit, wie Medizinstudenten die Verknüpfung zwischen dem gelernten theoretischen Wissen und dem Erkennen von diagnostischen Merkmalen beispielsweise bei der Betrachtung von Mikroskop-Aufnahmen herstellen. Der Laie würde bei der Betrachtung der Bilder markante Punkte auf den Darstellungen fixieren. Die Experten sollten durch ihr Vorwissen jedoch die Fähigkeit besitzen, sich von diesen Punkten zu lösen und die für die Diagnose bedeutsamen Bildausschnitte zu betrachten. Die Studien haben gezeigt, dass die Studenten oft einer „Illusion des Verstehens“ erliegen. Bilder lassen sich schnell erfassen, in Sekundenbruchteilen meint man das Grundmotiv erkannt zu haben. Oft gibt es jedoch kein klares Kriterium, anhand dessen sich überprüfen ließe, ob dieses Grundmotiv tatsächlich erfasst wurde. Das birgt die Gefahr, dass man selbst den Eindruck hat, die Aussage des Bildes erkannt zu haben, was nicht immer der Fall ist.


Bei der Konzeption von (eLearning-)Unterlagen sollte dieser Aspekt berücksichtigt werden. Grafiken sollten eng auf die Texte abgestimmt sein. Ist die Darstellung zu komplex und lässt sich die Verknüpfung zwischen Bild und Text nicht problemlos herstellen, ist das Erfassen nur mit einem gesteigerten Maß an kognitiver Anstrengung zu bewerkstelligen. Dadurch werden Kapazitäten gebunden. Bei der Erstellung von Unterrichtsmaterialien sollte deshalb darauf geachtet werden, dass unnötiger Aufwand vermieden wird. Soll die kognitive Funktion des Wiedererkennens und Identifizieren angesprochen werden, eignen sich Fotos oder Bilder, die knapp um eine Beschreibung  oder einem Namen ergänzt werden. Um dem Lernenden eine Klassifikation zu veranschaulichen eignet sich eine normierte Illustration oder eine Modellzeichnung. Eine abstrakte Darstellung, die eine Schlussfolgerung erläutern soll, kann mit geometrischen Figuren und Diagrammen verdeutlicht werden.

Die Fachredakteure der arago Consulting GmbH unterstützen Sie gerne bei der Gestaltung Ihrer Lernmaterialien. Wir betreuen Sie bei der Überarbeitung nach lern- und marketingspezifischen Gesichtspunkten. Sprechen Sie uns an!


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