»ICH KANN MICH AN KEINEN MORGEN IN AFRIKA ERINNERN, AN DEM ICH AUFGEWACHT BIN UND NICHT GLÜCKLICH WAR«

Das Zitat der Überschrift dieses Artikels stammt von Ernest Hemingway. Und auch ich sitze in diesen Wintertagen noch ganz erfüllt von den traumhaften Erlebnissen wieder an meinem Schreibtisch und denke an unseren wunderschönen Südafrika-Urlaub zurück. Die enorme Vielfalt dieses riesigen Landes, mit den trockenen Buschlandschaften im Nordwesten, die wüstenartige Karoo im Inneren, die grünen Wälder der Garden Route und die grandiosen Strände sowohl am Indischen Ozean als auch am Atlantik hallen noch lange nach. Hinzukommen die unglaublich freundlichen Menschen, das fantastische Essen und natürlich die faszinierenden Tierbegegnungen. Anfang November landeten wir zu viert in Johannesburg. An den Linksverkehr haben wir uns schnell gewöhnt, auch wenn die sich abwechselnden Fahrer immer wieder für Gelächter sorgten, wenn statt zu blinken der Scheibenwischer betätigt wurde.

Der Zustand einiger »Straßen« war dagegen manchmal irritierend. Der Begriff Potholes – Schlaglöcher – hat eine ganz neue Bedeutung bekommen. Wird in unserem Verkehrsfunk notfalls das Radioprogramm unterbrochen, um vor Tieren am Fahrbahnrand zu warnen, lassen sich die Rinder in Südafrika auch von einem Hupkonzert nicht davon abbringen, das Kälbchen in der Mitte der Schnellstraße zu säugen. Über die Panoramaroute ging es entlang an riesigen Wasserfällen, beeindruckenden Canyons und den faszinierenden Gesteinsformationen des Bourne’s Luck Potholes Richtung Kruger National Park. In das Navi waren die GPS-Daten der privaten Lodge Makalali eingegeben, doch wechselten die Blicke skeptisch zwischen Landkarte und Straße, besser gesagt Piste, hin und her. Dieser bessere Trampelpfad sollte tatsächlich zu einer bewohnbaren Unterkunft führen? Wir passierten ein Tor, lasen ein wenig bange die Verhaltensregeln (Auf keinen Fall aussteigen! hat oberste Priorität) und kämpften uns tapfer weiter. Das Gefühl, wenn plötzlich Giraffen auftauchen und majestätisch schreitend den Weg kreuzen, ist kaum zu beschreiben. Zebras grasten, Antilopenarten wie Kudus, Impalas und Springböcke nahmen vor dem vorschriftsmäßig langsam fahrenden Auto Reißaus. Warzenschweine mit stylischer Rücken- und Nackenmähne schauten uns mit ihren gekrümmten Hauern nach. Und endlich, nach 20 km Hoppelfahrt durch den Busch landeten wir vor einer großartigen Logde. Schnell führte man uns zur Terrasse und alle Mitarbeiter freuten sich mit uns, dass eine Elefantenherde zu Besuch ist. Staunend beobachteten wir die Mitglieder der im wahrsten Sinne des Wortes »Großfamilie«, wie sie nicht gerade zimperlich kleine Bäume fällte und äußerst geschickt mit Hilfe von Stoßzähnen und Rüssel die Rinde abschälte. Keine zwanzig Meter vor unserer Nase und ohne Zaun!

Um den Leoparden zu entdecken, muss man mit offenen Augen die Büsche beobachten.

Als wir das köstliche Mittagsbuffet genossen, machte ich Bekanntschaft mit dem aus meiner Sicht eher lästigsten Tier. Meine Familie würde die Meerkatzen wohl vielmehr als putzig titulieren, denn als der leckere Nachtisch serviert wurde, sprang ein besonders vorwitziger Primat auf unseren Tisch, machte mich als das vermeintlich schwächste Glied der Kette aus, schnappte sich das Dessert und flüchtete unter dem wenig mitfühlenden Gelächter meiner Männer über die Balustrade.

Der Elefant – das größte lebende Landtier der Welt – gehört zu den sogenannten »Big Five«.

In der beginnenden Dämmerung ging es unter der äußerst fachkundigen Führung unserer zwei Ranger Johnson und Eliahs zur Pirschfahrt. Noch einmal kreuzten wir den Weg der Elefantenherde. Die Ranger sind untereinander mit Funk verbunden und teilen sich interessante Sichtungen mit. Johnson und Eliahs freuten sich sehr, uns gleich am ersten Tag zu einem Leoparden führen zu können. Zwar ist der Leopard Afrikas häufigste Raubkatze, doch ist er nur sehr selten zu sehen. Perfekt getarnt saß das prächtig gezeichnete Tier verdeckt zwischen den Zweigen eines Buschs. Dabei findet man Leoparden am ehesten, wenn man den Blick durch die Bäume schweifen lässt. Und tatsächlich: Neben seinem Lager erkannten wir die schlaff herabhängenden Beine eines Impalas. Dieses Beutestück hatte der Leopard vor der neben uns interessiert herumschleichenden Hyäne in Sicherheit gebracht.

Mittlerweile ist es dunkel geworden, doch die Pirschfahrt war noch nicht zu Ende. Denn nur ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt hatte sich ein Löwenrudel niedergelassen und verspeiste das Ergebnis der erfolgreichen Jagd. Auch diese imposanten Raubtiere ließen sich durch unsere Anwesenheit nicht den Appetit verderben oder zeigten sich gestört. Zwar wurden wir in Augenschein genommen, aber wir schienen nur von mäßigem Interesse zu sein.

Der männliche Rudelführer darf die erlegte Beute zuerst essen. Dabei kommt es häufiger zu Rangkämpfen, die nicht selten blutig oder gar tödlich enden.

Nach kurzer Weiterfahrt hielt das Fahrzeug. Mit Verwunderung beobachteten wir Johnson und Eliahs, die auf einem Gitter vor dem Kühler tatsächlich eine improvisierte Bar aufbauten. Wenig später standen wir mit einem kühlen Glas südafrikanischen Weins unter dem funkelnden Sternenhimmel der Südhalbkugel und lauschten den fremdartigen Geräuschen des Buschs. Wunderschön, aber irgendwie auch surreal. Nebenbei bemerkte Johnson, dass die Beute des Löwenrudels nur das Männchen satt mache, das als Patriachat zuerst seinen Hunger stillen dürfe. Der Rest der Familie hätte wohl noch Hunger und würde bestimmt bald weiterziehen. Da wir nicht allzu weit entfernt seien, sollten wir uns nicht zu lange an unserem Weinglas festhalten. Nun, wenn es sein muss, kann ich auch den köstlichen Südafrikaner sehr schnell runterschlucken und ruck zuck auf den Wagen klettern!

So hatten wir bereits an unserem ersten Tag drei Tiere der Big Five erleben dürfen. Dieser Ausdruck kommt aus der Großwildjagd und bezeichnet die begehrtesten aber auch gefährlichsten Tiere. Neben Löwe, Leopard und Elefant zählen noch das Nashorn und, als gefährlichstes Tier, der Büffel dazu. In der Morgendämmerung des nächsten Tages hatten wir das große Glück, auch diesen Tieren zu begegnen. Während sich die Nashörner beim Grasen nicht durch uns ablenken ließen, galt es bei den Büffeln, besonders vorsichtig zu sein. Die anderen Tiere geben zumindest Warnsignale ab, wenn sie sich gestört fühlen. Stellt der Elefant beispielsweise den Rüssel senkrecht nach oben und stampft dazu noch mit den Füßen, wird es höchste Zeit, sich zurückzuziehen. Büffel reagieren dagegen ganz unvermittelt. Und ihren gewaltigen Hörnern möchte man sich nicht in den Weg stellen.

Blick auf den Hafen und den Tafelberg in Kapstadt.

Es gäbe noch so viel zu berichten. Unsere Visite in dem Königreich Swasiland, mit dem höchst komplexen Prozedere des Grenzübertritts – da war die Einreise in die USA fast einfacher. Die Übernachtung auf einer Straußenfarm. Die herzliche Farmersfamilie konnte uns so viel über die großen Vögel erzählen. Die Walbeobachtung in Hermanus, wo diese riesigen Tiere vor uns zum Sprung ansetzten und Mutter und Kind zum Greifen nahe waren. Der Besuch der Weingüter rund um Stellenbosch, selbstverständlich mit Weinverkostung. Und natürlich Kapstadt: Der Blick vom Tafelberg hinab auf die Stadt mit dem großen WM-Stadion, die hübschen viktorianischen und kap-holländischen Häuser. Ganz besonders hat uns Robben Island beeindruckt. Ehemalige Gefangene des Apartheit-Regimes führen über die Gefängnisinsel und erzählen ihre Geschichte. Das geht unter die Haut und ich bewundere, dass die Berichte trotz ihrer Dramatik mit humorvollen Anekdoten geschmückt wurden. Auch wenn vieles in diesem Land noch im Argen liegt, habe ich großen Respekt für das Meistern des Umschwungs hin zu einer Demokratie und für die Anstrengungen zur Versöhnung. All die Menschen, die uns auf der Reise begegnet sind, waren freundlich und herzlich. Mein Besuch bei der »Regenbogen-Nation« war gewiss nicht der letzte.