VOM SCHLAFEN UND LERNEN

So gut wie alles im Leben ist lediglich eine Frage des Standpunktes. So behauptet der ein oder andere gute Freund hartnäckig, dass ich die Hälfte meines Studiums verschlafen habe. Nun, 15 Jahre nach Abschluss meines Studiums habe ich endlich den Standpunkt erklommen, der es mir erlaubt, diese Strategie als besonders ausgeschlafen zu präsentieren.

Im Jahr 2016 wurden mittels einer App die Schlafgewohnheiten von 5.500 Probanden aus 20 Industrienationen untersucht. Das Ergebnis: Die Deutschen liegen mit 7 Stunden und 45 Minuten unterhalb des Durchschnitts. In Japan und Singapur wird mit 7 Stunden und 24 Minuten am kürzesten geschlafen, die längste Nachtruhe gönnen sich die Niederländer mit 8 Stunden und 12 Minuten.

Ob 6, 7, 8 oder 9 Stunden: Napoleon Bonaparte hielt nichts davon, lange zu schlafen. Ihm wird der Satz zugeschrieben: »Vier Stunden schläft der Mann, fünf die Frau, sechs ein Idiot«. Mit noch weniger Schlaf soll Leonardo da Vinci ausgekommen sein. Er gilt als Verfechter des polyphasischen Schlafes. Täglich 1,5 Stunden Schlaf, verteilt in Häppchen zu je 15 Minuten alle vier
Stunden.

Generelle Aussagen zur optimalen Schlafdauer sind schwierig. Wieviel Schlaf jeder benötigt, geben die Gene, das Alter und die innere Uhr vor. Nach diversen Versuchen muss ich mir daher eingestehen: Nach Napoleanischen Maßstäben bin ich ein Vollidiot. Meine Gene machen aus mir mit weniger als 6 Stunden Schlaf weder einen Eroberer noch ein Erfinder-Genie. Sie machen mich einfach nur schläfrig und unausgeglichen.

Doch wie wirkt sich zu wenig Schlaf auf meine Lernleistung aus? Macht es Sinn, ganze Nächte vor wichtigen Prüfungen durchzulernen?

AUSREICHEND SCHLAF VERBESSERT DIE LERNLEISTUNG

Unser Schlaf unterteilt sich in mehrere Phasen und findet in mehreren Zyklen statt. Für unseren Lernfortschritt ist die Tiefschlafphase entscheidend. Im REM-Schlaf träumen wir.

Mary A. Carskadon, eine der renommiertesten amerikanischen Schlafforscherinnen, untersuchte im Jahr 1998, wie sich der Schlafrhythmus auf die Lernfähigkeit von Kindern auswirkt. Hierzu startete ein Teil der Kinder in einer Schule mit dem Unterricht erst um 8.25 Uhr, der andere Teil bereits um 7.20 Uhr. Um 8.30 Uhr wurde unter sucht, wie müde die Frühaufsteher sind. Das erschreckende Ergebnis: In einem ruhigen Raum schliefen bereits rund 50% der Kinder nach drei Minuten tief und fest. Wie soll sich bei Kindern in dieser Verfassung ein Lernerfolg einstellen?

Die Schulleitung der englischen Gemeinde North Tyneside, ihres Zeichens stolze Partnergemeinde der westfälischen Stadt Oer-Erkenschwick, beschloss auch aufgrund solcher Erkenntnisse mit dem Schulunterricht grundsätzlich erst um 10 Uhr zu beginnen. Die Prüfungsnoten verbesserten sich daraufhin erheblich.

Ausreichend Schlaf sorgt jedoch nicht nur dafür, dass wir aufnahmebereiter für neues Wissen sind. Die Schlafphase wird von unserem Gehirn auch dazu genutzt, bei uns aufzuräumen. Erst im Schlaf werden tagsüber gelernte Informationen in Wissen gewandelt und langfristig gespeichert, d.h. konsolidiert. Das ist auch der Grund, weshalb Kinder so viel mehr Schlaf benötigen als Erwachsene. Kinder müssen mehr lernen, d.h. ihr Gehirn hat mehr Konsolidierungsarbeit zu verrichten; ergo benötigen sie mehr Schlaf.

Denn unsere Träume festigen Wichtiges und misten Unwichtiges aus. Dabei spielen unsere Gefühle eine große Rolle. Je stärker die Informationen mit positiven oder negativen Emotionen verknüpft sind, desto tiefer werden sie im Gedächtnis verankert.

DAS GEDÄCHTNIS ARBEITET IMMER, AUCH IM SCHLAF.

Der deutsche Psychiater Emil Kraepelin entwickelte um die Jahrhundertwende Chronotypen zur Typisierung des Schlafs. »Lerchen« sind morgens ab 6 Uhr munter, »Eulen« sind vor 9 Uhr kaum ansprechbar. Allerdings sind nur 40 Prozent aller Menschen reine Eulen- oder Lerchentypen, alle anderen tendieren lediglich zu einem der Schlaftypen.

Im Schlaf zu lernen (und zwar ausschließlich im Schlaf) war der Traum meiner Studienzeit. Hätte ich mich nur etwas tiefergehender damit auseinandergesetzt. Bereits im Jahr 1992 hatte die renommierte British Psychological Society heraus gefunden, dass das Abspielen von Lernkassetten im Schlaf zu keinen Lernfortschritten führt. Und auch meine persönlichen Feldversuche bzw. die sich daraus ergebenden Prüfungsergebnisse bestätigten diese Erkenntnis ausnahmslos.

Es gibt jedoch durchaus Möglichkeiten, den Lernerfolg auch während des Schlafes positiv zu beeinflussen. Im Jahr 2006 untersuchten die Neurowissenschaftler Björn Rasch und Jan Born im Schlaflabor der Universität Lübeck, wie Gerüche zum Lernfortschritt beitragen können. Dazu ließen sie Probanden während eines Memoryspiels Rosenduft einatmen. Einem Teil der Probanden wurde die Luft auch während des Schlafs mit Rosenduft versetzt. Dieser Duft aktivierte den Hippocampus. Dieser Bereich des Gehirns speichert und verarbeitet keine Informationen, verknüpft als Schaltzentrale aber Informationen an anderer Stelle im Gehirn miteinander. Das Schöne dabei: Weil es eine Unzahl verschiedener Verknüpfungsmöglichkeiten gibt, ist die Datenmenge, die ein Gehirn speichern kann, nicht begrenzt. Das Ergebnis: Dank des Rosenduftes im Schlaf erzielten die Studienteilnehmer eine deutliche Leistungssteigerung beim Memory.

Die ganze Schönheit des menschlichen Gehirns zeigt die Webseite https://3d.dasgehirn.info/, ein Projekt der Klaus Tschira Stiftung, der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft e.V. in Zusammenarbeit mit dem ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe. Die Seite ermöglicht es, in die einzelnen Bereiche des Gehirns zu zoomen und sich über unzählige wissenschaftliche Artikel und Videos näher mit dem Wunderorgan Gehirn, der Denk- und Gefühlszentrale unseres Körpers, auseinanderzusetzen.

10 Jahre nach seinen Untersuchungen zu Rosenduft und Memory stellte Björn Rasch, nun Professor an der Universität Fribourg in der Schweiz, im Rahmen eines Interviews seine Erkenntnisse zum Thema Sprache lernen im Schlaf vor (https://www.youtube.com/watch?v=Ml_Kvu53WDI).

DIE TIEFSCHLAFPHASE IST ENTSCHEIDEND
FÜR UNSEREN LERNFORTSCHRITT

Hierzu lernten Probanden tagsüber 120 holländische Vokabeln. Nachts, in der Tiefschlafphase (sie macht nur 12–15% unseres Gesamtschlafs aus, ist aber verantwortlich für unsere Erholung und Regeneration, die Speicherung von Informationen und die Festigung von Lerninhalten), wurden ihnen 60 dieser 120 holländischen Vokabeln im Schlaf vorgespielt, ohne die deutsche Übersetzung. Dies erfolgte so leise, dass die Probanden hiervon nicht aufwachten. Nach dem Schlaf wurden erneut alle 120 Vokabeln abgefragt. Das Ergebnis: Die 60 im Schlaf vorgespielten Vokabeln wurden signifikant besser verinnerlicht als jene Vokabeln, die nicht vorgespielt wurden. Die Speicherung bzw. Konsolidierung der Vokabeln konnte durch das leise Einspielen im Schlaf verbessert werden.

Allerdings ging dem Lernerfolg ein aktives Lernen voraus. Weitere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Effekte eines kompletten Neulernens im Schlaf relativ schwach ausgeprägt sind, d.h. nach aktuellem Stand der Forschung müssen wir uns leider davon verabschieden, eine Sprache komplett im Schlaf erlernen zu können.

Was können wir zum Thema Schlaf und Lernen persönlich für uns mitnehmen?

Während der Studienzeit ausreichend zu schlafen, ist absolut ratsam. Die Art, Länge und Qualität des Schlafes (Stichwort: Tiefschlafphase) hat dabei eine zentrale Bedeutung für unseren Lernfortschritt. Das alleinige Lernen im Schlaf bleibt jedoch vorerst ein Traum.

Besuchen Sie Weiterbildungsveranstaltungen daher möglichst ausgeschlafen und bleiben Sie während der Veranstaltung wach. Achten Sie darauf, die vermittelten Lerninhalte mit vielen Emotionen zu verknüpfen und gönnen Sie sich nach der Veranstaltung eine gute Mütze voll Schlaf.

Für all jene, die bis hierhin durchgehalten haben und noch immer der Meinung sind, Schlaf werde überbewertet: Mit den alternativen Strategien Cyborg Bodyhacking und Biohacking beschäftigen wir uns, sobald wir uns das nächste Mal so richtig ausgeschlafen haben. Versprochen.

Hören Sie auf die Signale Ihres Körpers. Wir gähnen, wenn wir müde sind. Gähnen ist ansteckend und überträgt sich auch von Mensch zu Tier. Weshalb wir gähnen, ist jedoch ungeklärt. Gähnen macht nicht wacher (diese These wurden von Schweizer Wissenschaftlern widerlegt) und hat auch keinen Einfluss auf die Sauerstoffversorgung (wurde bereits 1987 von US-Wissenschaftlern widerlegt). Als Gähn-Forscher können Sie somit noch Ihre Fußabdrücke hinterlassen.